Die wissens.werkerInnen im Gespräch mit… Christina Matschke

Ihre Forschung kurz und verständlich?

In meiner Forschung geht es fast immer um die Integration in neue Gruppen. Wie schaffen es Menschen, sich trotz Widrigkeiten mit einer Gruppe zu identifizieren und die Gruppenmitgliedschaft mit bereits bestehenden Lebensbereichen zu vereinen? Dabei interessiert mich, inwiefern Motivation und Unterstützung durch Andere helfen können, unterschiedliche Gruppenmitgliedschaften erfolgreich zu vereinen. Außerdem möchte ich herausfinden, ob und unter welchen Umständen es für das Wohlbefinden gut ist, wenn man unterschiedliche Bereiche im Leben miteinander integriert. Und als weiteren Forschungsschwerpunkt untersuche ich die Entstehung und Konsequenzen der sogenannten Disidentifikation: das ist die negative Seite der Gruppenmitgliedschaft, bei der man eine stark negative Beziehung zur eigenen Gruppe entwickelt.  

Was finden Sie besonders herausfordernd oder spannend bei Ihrer Arbeit?

An der Wissenschaft finde ich zwei Dinge besonders reizvoll: die Freiheit und die Möglichkeit, Dinge richtig zu Ende zu denken. Ich kenne wenige Bereiche, in denen man sich ein Thema so ausführlich erschließen kann und es in seiner Komplexität betrachten darf. Das ist eine große inhaltliche Freiheit. Praktische Freiheit erlebe ich dazu jeden Tag: Ich kann mir im Rahmen gewisser Termine jeden Tag, jede Woche und häufig sogar über das Jahr verteilt überlegen, welche Aufgabe ich zuerst angehen möchte. Die Herausforderung an der Wissenschaft ist die geringe Planungssicherheit, denn unbefristete Verträge sind einfach rar.

Und warum das Thema „Gruppen und Gruppenintegration“?

Angefangen hat es damit, dass ich mich vor vielen Jahren gefragt habe, warum ich mich freue, wenn Schweden ein Fußballspiel gewinnt. Ich hatte ein paar Jahre vorher ein Freiwilliges Soziales Jahr in Schweden gemacht. Zu der Zeit gab es noch wenig theoretische Erklärung dafür, dass man sich mit einer „fremden“ Gruppe identifiziert. Mich hat dabei gereizt zu erforschen, wie sich Menschen an neue Kontexte anpassen. Dabei fasziniert mich, dass jede Gruppe, auf die man sich einlässt, ein Teil von einem selbst wird. Das ist, als bekäme man eine zweite Haut: man wird wie ein Chamäleon und hat in verschiedenen Situationen verschiedene Versionen von sich selbst zur Auswahl. Ich möchte dabei herauszufinden, wie Menschen eine solche innere Vielfalt entwickeln und im Alltag für sich managen. Diese Art der Persönlichkeitsentwicklung, die man auch als erwachsener Mensch immer wieder machen kann und die den Horizont sehr erweitern kann, finde ich unglaublich spannend.

Woran können Sie sehen, dass Sie durch Ihre Arbeit etwas an der Universität bewegen konnten?

Das ist in der Wissenschaft manchmal gar nicht so leicht, weil man oft sehr lange auf direktes Feedback wartet. Aber ich kann trotzdem auf verschiedene Arten sehen, ob sich etwas bewegt, denn eigentlich hat meine Arbeit Ziele auf verschiedenen Ebenen.

1) Meine Arbeit soll die Forschung voranbringen: das das sehe ich daran, ob meine Befunde publiziert oder zitiert werden, neue Forschung anregen oder ob ich Finanzierung für Projekte einwerben kann.

2) Meine Arbeit soll praktische Relevanz haben: das sehe ich daran, ob meine Ergebnisse „übersetzt“ werden von der Praxis. Wenn zum Beispiel die Personalabteilung einer Organisation nach einer gemeinsamen Studie eine neue Empfehlung für Auswahlgespräche ausspricht, dann ist das ein praktischer Erfolg. Auch das Interesse von nicht-fachlichen Medien ist ein guter Indikator für praktische Relevanz. Nicht zuletzt merke ich manchmal einfach im Alltag, ob ich aus meiner Forschung für mich selbst oder meine Freunde praktische Empfehlungen ableiten kann, wenn es zum Beispiel um die Integration von neuen Teammitgliedern geht.

3) Ich möchte gute Lehre geben und Studierende in ihrer Entwicklung fördern: das ist der Teil, wo das Feedback am schnellsten kommt, denn Studierenden merkt man sehr an, ob sie Feuer fangen für ein Thema. Wenn Gruppen lebhaft diskutieren, wenn Praxisfälle anhand von Theorien geknackt werden oder persönliches Fazit gezogen wird, dann sehe ich, dass ich etwas erreicht habe! Der Moment, wo Studierende Ideen entwickeln und so argumentieren, dass ich selbst inspiriert werde, ist der schönste: dann profitieren wir gegenseitig voneinander.

Mit wem würden Sie gerne mal einen Kaffee trinken?

Mit meinen beiden Omas! Die eine hat in den 50ern promoviert und war Schulleiterin, die andere hat den selbständigen handwerklichen Betrieb der Familie mit am Laufen gehalten. Beide kamen aus völlig unterschiedlichen Welten, hatten drei Kinder und ganz eigene Strategien, ihre Lebensbereiche zu vereinen –  ich glaube, aus der Kombination der Erfahrungen könnte ich viel lernen. Wenn Sie noch leben würden, würde ich sie wahnsinnig gerne beide gleichzeitig mal bei einem Kaffee/Fencheltee auf Augenhöhe ausfragen.   

Mit wem würden Sie gerne einmal den Job tauschen und warum?

Vielleicht ist die bessere Frage, mit wem ich den Job tauschen sollte! Bereichernd fand ich vor allem die Arbeiten, die „an der Basis“ stattfanden. So habe ich zum Beispiel sehr davon profitiert, eine kurze Zeit als Zeitarbeiterin in Fabriken und Lagerhallen zu arbeiten: ich habe seitdem großen Respekt vor Menschen, die solchen Arbeiten nachgehen und es nicht immer leicht hatten auf ihrem Bildungsweg. Gleichzeitig bin ich froh, immer gute Chancen und Unterstützung gehabt zu haben.

Bestimmt wäre es spannend, mal den Job mit jemandem zu tauschen, der viel Entscheidungsspielräume, Macht und Ressourcen hat, aber ich glaube, es ist fast wichtiger, mal für eine Weile mit jemandem zu tauschen, der das genaue Gegenteil erlebt. 

Was bringt Sie so richtig zum Lachen?

Selbstironie! Am meisten und längsten kann ich darüber lachen, wenn sich kluge Personen liebenswert über sich selbst lustig machen.  

Was wissen die meisten Leute nicht von Ihnen?

Ich lerne gerne Fremdsprachen. Das fühlt sich für mich an, als würde sich ein bisher unerkannter Bereich meines Kopfes öffnen und ich kriege einen neuen Blick auf meine Umwelt. Ich finde es unglaublich spannend, was Sprachen alles ausdrücken – oder weglassen! Zum Beispiel kann man auf Spanisch ausdrücken, dass man seine subjektive Sicht formuliert, was den Absolutheits-Anspruch einer Sichtweise abschwächt. Im hierarchie-flachen Schweden duzen sich generell alle, obwohl es eine grammatikalische Form für „Sie“ gibt, und im Estnischen kann man mit einem grammatikalischen Fall ausdrücken, dass man immer nur einen Teil einer Sache beschreibt. Außerdem gibt keine Unterscheidung zwischen „er“ und „sie“! Ich finde, Fremdsprachen können wunderbar die eigene Weltsicht in Frage stellen oder sie erweitern.  

Was ist Ihre Lebensphilosophie?

Da habe ich mehrere! Aber eine, die ich schon lange habe ist: Es lohnt sich, immer mal die Perspektive zu wechseln.

Was möchten Sie den Lesern mit auf den Weg geben?

Wenn ich meine Forschung in Tipps übersetzen würde, dann habe ich 7 Tipps für Sie:

  1. Behalten Sie als Gruppe disidentifizierte Mitglieder im Auge, das heißt Leute, die eine starke negative Beziehung zur Gruppe haben: sie haben gefährliches Insider-Wissen, das sie nutzen können, um die Gruppe subtil zu untergraben.
  2. Wenn sie als Neuling in eine Gruppe gehen, suchen Sie sich am besten neue Gruppen aus, auf die Sie richtig Lust haben! Dann können Sie besser mit Widrigkeiten umgehen.
  3. Wenn die Menschen, die Ihnen persönlich wichtig sind, hinter ihrem Beitritt zur Gruppe stehen, dann kann das wie ein Schutzmantel gegen Schwierigkeiten wirken.
  4. Suchen Sie sich als Neuling am Anfang in der Gruppe jemanden, der Ihnen zeigt, wie die Dinge in der Gruppe funktionieren. Später brauchen Sie vor allem Leute, auf die sie sich persönlich verlassen können und die für Sie da sind. Beides hilft Ihnen, sich in der Gruppe heimisch zu fühlen und Widersprüche zwischen Gruppenmitgliedschaften zu vereinen.
  5. Wenn Sie verschiedene Gruppenmitgliedschaften haben, die Sie gut miteinander vereinen können, dann sollten Sie am besten in jedem dieser Lebensbereiche ein glückliches Leben führen!
  6. Wenn Sie gerade schlechte Erfahrungen in einem Lebensbereich machen, ist es besser, die Lebensbereiche getrennt voneinander zu halten: halten Sie sich in solchen Fällen die Unterschiedlichkeit vor Augen und „schützen“ Sie die Bereiche, die in Ordnung sind, davor, dass sie in Mitleidenschaft gezogen werden.
  7. Und zum Schluss: ein bisschen rosa Brille ist in den meisten Fällen das Beste! Wo Sie gute Erfahrungen nur bedingt suchen oder gewährleisten können, richten Sie den Blick auf die Haben-Seite und die Dinge, die Sie erreichen können.

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: