Die wissens.werkerInnen im Gespräch mit… Prof. Dr. Ulrike Cress

Prof. Dr. Ulrike Cress ist Psychologin und Direktorin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen, sowie Professorin an der Eberhard Karls Universität Tübingen im Fachbereich Psychologie. In Ihrer Forschungsarbeit beschäftigt sie sich mit der kollaborativen, gemeinsamen Konstruktion von Wissen mit Hilfe verschiedener Medien. Hier geht es zum wissenschaftlichen Profil von Prof. Dr. Cress.

Du bist nun seit einigen Wochen die neue Direktorin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen. Wie hat sich dein Arbeitsalltag seitdem verändert?

Ich habe jetzt deutlich mehr Besprechungen, v.a. in meiner Rolle als Institutsvertretung – auch auf Ministerialebene, wie z.B. jetzt am Montag bei einer Sitzung am BMBF zum Leibniz-Forschungsverbund Bildungspotenziale.

Was liegt gerade ganz oben auf deinem Schreibtisch?

Auf meinem Schreibtisch liegt eine ganze Menge. Nicht ganz oben, aber dennoch ein Punkt, der mir sehr am Herzen liegt, ist es, unsere Alumni-Arbeit zu verstärken. Die Alumni-Veranstaltung, die wir letzte Woche am IWM durchgeführt haben, war dazu ein gelungener Auftakt und in Zukunft wollen wir noch mehr in diese Richtung machen. Wir möchten dieses Potential stärker nutzen: Wir haben so viele tolle Alumni, die sich nach ihrer Zeit am IWM noch weiter in der Forschung oder jetzt in der Praxis befinden und ich bin der Meinung, dass wir gegenseitig sehr von einer engeren Vernetzung profitieren können.

Dein neustes Buchprojekt heißt „The Psychology of Digital Learning“. Das klingt nach einem klaren Statement und nach einer deutlichen Positionierung des IWMs. Welche Rolle willst du als Leiterin des IWMs in Zukunft in Bezug auf Digitalisierung und Medienpsychologie einnehmen?

Das IWM interessiert sich für den Menschen als informationsverarbeitendes System und betrachtet die kognitiven sowie sozial-motivationale Prozesse. Die Informationsverarbeitung wird hierbei sehr feingranular auf der Prozessebene untersucht. Medien sind nur dann effizient, wenn sie genau auf diese Prozesse ausgerichtet sind.

Wissenschaftliche Studien befassen sich oft mit sehr klar abgegrenzten Themen, deren Praxisbezug nicht immer direkt erkennbar ist. Wie kann man wissenschaftliche Ergebnisse trotzdem sinnvoll nutzen und welche Strategie verfolgt das IWM, um die wissenschaftliche Arbeit in die Praxis zu bringen?

Neben der gezielten Ansprache unserer Praxisfelder Schule, Hochschule, Wissensarbeit, Internetnutzung und Museen, für die wir schon viele relevante Forschungsergebnisse haben, ist eine weitere Möglichkeit, gute empirische Studien direkt in der Praxis durchzuführen. Eine gute Feldforschung hat nicht nur hohe ökologische Validität, sondern kümmert sich auch gleichzeitig um Randomisierung oder Kontrolliertheit, also Merkmale, die gute empirische Forschung ausmachen. Ein anderer entscheidender Punkt ist es, Fragen aus der Praxis mit den theoretischen Konstrukten in Verbindung zu bringen, die die Wissenschaft hat. Wenn wir mit der Brille des Wissenschaftlers/ der Wissenschaftlerin auf die Praxis schauen, dann können wir häufig entscheidende Impulse für die Praxis geben. Auf der anderen Seite schaut der Praktiker mit seiner Brille auf die Wissenschaft, und kann uns entscheidende Impulse geben. 

Als Direktorin des IWMs bist du in eine Arbeitswelt eingestiegen, die durchaus noch sehr männlich dominiert ist. Welche Tipps kannst du weiblichem Führungsnachwuchs geben, um ernstgenommen zu werden und die eigene Karriere voranzubringen?

Ich würde ihnen empfehlen, den Mut zu haben, ein eigenes Profil zu entwickeln. Eigene Themen entwickeln, sich für diese einzusetzen und damit sichtbar zu werden. Zudem habe ich immer auf einen selbstkritischen Umgang mit der eigenen Arbeit geachtet.
Auch Feedback von außen ist sehr hilfreich, z.B. von einer Mentorin oder einem Mentor, die oder der noch eine andere Perspektive auf die eigene Karriere geben kann. Genau diese Aspekte setzen wir auch in unserem neuen Postdoc-Netzwerk um. Die Mitglieder können sich um eine Anschubfinanzierung für eigene kleine Forschungsprojekte bewerben, wir regen externes Mentoring an und führen Statusgespräche mit den Professorinnen und Professoren des IWM durch.

Du leitest auch weiterhin deine Forschungsabteilung am IWM mit insg. 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Drittmittelprojekten. Wie bekommst du all deine Aufgaben unter einen Hut und welche Tipps kannst du uns geben, um produktiv zu arbeiten und nicht in der Arbeitsflut unterzugehen?

Unsere Arbeit profitiert davon, dass in meiner Arbeitsgruppe nicht eine Reihe von Einzelprojekten nebeneinander stehen, sondern wir darauf achten, dass Synergien zwischen Projekten entstehen und wir in kleinen Teams eng zusammen arbeiten können. Ich halte es für wichtig, dass die neuen Mitarbeiter früh darin geübt werden, Publikationen zu schreiben. Kollaboratives Schreiben ist nicht nur eines unserer Forschungsthemen, sondern wir praktizieren es ausgiebig.
Ansonsten hilft bei der Fülle der Aufgaben letztlich nur eine gute Kalenderführung! 🙂

Wie kann die Wissenschaft uns bei der Digitalisierung helfen?

Die Wissenschaft kann zeigen, welche Unterstützung der Mensch benötigt, um die Digitalisierung möglichst sinnvoll und gewinnbringend für sich nutzen zu können. Mir gefällt hier das Bild von „Zwergen auf den Schultern von Riesen“, das auch Google Scholar in seiner Suchseite einblendet. Das Bild besagt, dass man Wissen der früheren Generationen nutzt, um einen besseren Überblick zu bekommen und dadurch viel Größeres leisten kann, als man es als Einzelner könnte.
Das lässt sich auch auf die Digitalisierung übertragen: Die Wissenschaft sollte Möglichkeiten des kompetenten Umgangs mit den neuen verfügbaren Datenmengen schaffen. Wir sollten nicht überwältigt werden von der Datenflut, sondern sie vielmehr einsetzen können für mehr Übersicht und eine bessere Reflektion von Sachverhalten. Dies wäre auch mein Wunsch in Bezug auf die Digitalisierung (s. nächste Frage), einen Weg zu finden, wie Digitalisierung uns „schlauer“ macht. Ein Beispiel stellt der sog. „Tumortisch“ dar, den wir am IWM entwickeln. Hierbei geht es darum, dass bei der Behandlung von Tumorerkrankungen Ärzte auf große Datenmengen zugreifen können; Daten über den spezifischen Patienten, aber auch Daten über alle bisher bekannten Fälle. Sie müssen so aufbereitet und verfügbar gemacht werden, dass sie für Entscheidungen genutzt werden können. Dies geschieht in dem Projekt auf einem großen Multitouch-Tisch.

Wenn du Angela Merkel zum Thema Digitalisierung beraten würdest, welche drei wichtigsten Schritte würdest du ihr empfehlen, um Deutschland digital voranzubringen?

Technologische Infrastruktur ist notwendig, aber sicher nicht hinreichend. 1. Darüber hinaus muss 2. sichergestellt werden, dass nicht ganze Gesellschaftsschichten durch die Digitalisierung abgehängt werden. Hierzu müssen Strategien gegen den digital divide („digitale Spaltung“) zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen entwickelt werden. 3. Zudem würde ich mir einen gesellschaftlichen Diskurs wünschen, der alle Gruppen miteinbezieht. Social Media bietet ein großes Potential für Partizipation. Negative Auswirkungen sind Phänomene wie Hasskommentare, aber die die positiven Möglichkeiten sollten doch überwiegen. Für mich stellt die Wikipedia das beste Beispiel einer gelungenen Kollaboration dar. Wikipedia hat feste Regeln, die sicherstellen, dass auch Laien in der Lage sind, gemeinsam qualitativ hochwertige Artikel zu schreiben. So entsteht in der Zusammenarbeit von vielen Menschen neues Wissen. In Bezug auf Foren weiß man bisher noch viel zu wenig darüber, wie sich der Diskurs gut unterstützen lässt. Was bringt Menschen dazu, Meinungen anderer wahrzunehmen und in die eigene Meinung zu integrieren? Wie vermeiden wir Filterblasen? Mit einem deutschen Internetinstitut, wie es das BMBF aufbauen möchte, kann hier interdisziplinäre Forschung geleistet werden.

Wo spürst du privat die Digitalisierung am meisten? Wie digital ist dein Privatleben?

Neben der zunehmenden Mailflut nehme ich schon wahr, dass sich meine Informationskanäle verschieben. So erhalte ich mittlerweile auch Informationen über Social Media wie Twitter. Ansonsten bemerke ich auch bei mir selbst das typische Phänomen des „Ubiquitous Working“, welches wir auch in meiner Arbeitsgruppe untersuchen. Durch digitale Medien ist man immer erreichbar und kann sich jederzeit mit Informationen versorgen, was Fluch und Segen zu gleich ist. Positiv für mich ist, dass ich viel im Zug arbeiten kann 🙂

Welche Blogs liest du regelmäßig (abgesehen von wissensdialoge.de natürlich 😉 ) und welche Blogs empfiehlst du deinen Mitarbeitern und Doktoranden?

Natürlich kann ich generell die Seite von e-teaching.org, unserem Informationsportal zum Thema digitale Hochschullehre, wie auch deren Blog, wärmstens empfehlen.
Daneben lese ich eigentlich wenige Blogs wirklich regelmäßig, sondern beziehe viel mehr Informationen aus Twitter. Hier erfahre ich über die Arbeit von Kooperationspartnern und anderen Instituten, erhalte Informationen von Ministerien oder Stiftungen und verfolge politische Diskussionen wie z.B. die neuesten Trump-Tweets.
Auch die Leibniz-Gemeinschaft twittert. Unseren Mitarbeitenden möchte ich natürlich unseren Institutskanal ans Herz legen. Neben diesem allgemeinen Account zu IWM-Aktivitäten gibt es auch spezifische wie den von e-teaching.org, einzelnen Projekten wie dem ERC-Projekt von Sonja Utz oder dem EU-Projekt AFEL (Analytics For Everyday Learning) und auch unser neues TüDilab twittert seit einigen Wochen.

Schaltest du auch mal bewusst ab (in Bezug auf digitale Medien)?

Das mache ich viel zu selten! Aber am Wochenende versuche ich manchmal bewusst eine Weile nicht online zu sein und lieber ein bisschen Zeit draußen in der Natur zu verbringen, z.B. beim Wandern.

Was brauchst du für einen perfekten Arbeitstag?

Ein ausgewogenes Verhältnis aus Besprechungen, um Dinge anstoßen zu können und sich mit anderen abzustimmen, aber auch Zeit um in Eigenarbeit Dinge erledigen zu können. – Und einen Apfel – ich versuche einen pro Tag zu essen! [lacht]

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: