«Disagreement is Evil» — Ein Rückblick auf das «Google Memo»

Gerade bei heißen Themen macht es Sinn, sich den Sachverhalt und die Berichte darüber nach einiger Zeit nochmals in Ruhe anzusehen. Ein bezüglich Personalentwicklung und Führung interessantes Ereignis ist das hier verlinkte Dokument, über das Anfang August 2017 in den Medien berichtet wurde. Da jede Auseinandersetzung mit einem Gegenstand diesen verzerrt, lohnt es sich, das Dokument zuerst einmal unvoreingenommen durchzulesen.

https://assets.documentcloud.org/documents/3914586/Googles-Ideological-Echo-Chamber.pdf

Das Dokument ist — wie im Titel zu lesen — das «Google Memo» von James Damore.

Was ist passiert? Ein Google Mitarbeiter — James Damore — hat an Diversity-Veranstaltungen von Google teilgenommen und sich über das Thema Gedanken gemacht. Um Feedback zu bekommen, hat er seine Überlegungen in einem Dokument festgehalten und auf unternehmensinternen Plattformen zur Diskussion gestellt. Eine andere Person, die ebenfalls auf dieser Plattform war, hat das Dokument an die Öffentlichkeit weitergegeben («geleaked») und der darauf folgende Aufschrei in den Medien hat dazu geführt, dass Damore gekündigt wurde.

Schauen wir nachfolgend einmal auf die Sichtweise von vielen Medienberichten, dann auf das, was Damore tatsächlich geschrieben hat, gefolgt von der wissenschaftlichen Datenlage, anschließend, wie sich dieser Medienaufschrei erklären lassen kann, und schließlich auf das, was vielleicht die Lehren daraus sein könnten.

Medienberichte

Auffällig bei der Berichterstattung über dieses Dokument war das «Framing» in den Medien. Das Medien einen Bericht rahmen («frame»), ihm also ein Interpretationsraster mitgeben, ist nicht weiter verwunderlich. Medienberichte betonen oft bestimmte Aspekte oder legen bestimmte Definitionen, Ursachenzuschreibungen, moralische Bewertungen oder Handlungsempfehlungen nahe.

Dieses Framing war bei diesem Ereignis oft sehr drastisch. Als der Inhalt das erste Mal von gizmodo online verfügbar gemacht wurde, wurden alle Quellenangaben und Abbildung entfernt, was den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit natürlich einfacher macht (der Begriff „screed“ ist auch nicht gerade neutral). Spiegel.de sprach direkt von einem «sexistischem Schreiben». Damit ist jegliche Diskussion überflüssig — wieso sollte man mit einem Sexisten noch diskutieren? Auch die Bezeichnung als «Manifest» legt bestimmte, eher negative Assoziationen nahe.

Von entsprechenden Rahmungen abgesehen, welche die Interpretation vorgeben, gab es auch inhaltlich diverse falsche oder verzerrte Darstellungen, z.B. eine angeblich rein negative Betrachtung von Kooperationsfähigkeit, oder die angebliche Aussage, dass sich seine Aussagen auf alle Frauen bzw. alle Männer beziehen, oder es ein Fehler sei, über Diversity-Initiativen mehr Frauen in die Unternehmen zu bringen.

Die Aussagen

Gerade bei emotional geladenen, heißen Debatten lohnt es sich, die Quellen im Original zu lesen. Insbesondere wenn man eine sehr starke Überzeugung für oder gegen die angebliche Aussage eines Textes hat.

Das Dokument selbst ist mit seinen 10 Seiten dichtem Text zu umfangreich, um es im Detail zu diskutieren. Sehr verkürzt gesagt kritisiert Damore, dass Google’s eher politisch linke (bezieht sich auf die USA) Unternehmenskultur dazu geführt hat, dass andere Sichtweisen nicht mehr vorgebracht werden können. Abweichende Sichtweisen werden über Scham zum Schweigen gebracht, was zu einer ideologischen Echokammer geführt hat.

Ich vermute, er geht auf Haidt zurück (mehr zu Haidt’s Moralmodell in diesem Blitz) wenn er schreibt, dass einige Ideen als zu heilig angesehen werden, um ehrlich diskutiert zu werden. In einem solche Monokultur gedeihen extreme und autoritäre Positionen. Extrem in dem Sinne, das alle Unterschiede in der Repräsentation unterschiedlicher Gruppen auf Unterdrückung zurückzuführen seien. Autoritär in dem Sinne, dass diskriminiert werden sollte, um diese vermeintliche Unterdrückung zu korrigieren.

Damore’s zentraler Punkt ist, dass man bei der Betrachtung von Unterschieden in der Anzahl von Mitgliedern bestimmter Gruppen (z.B. Frauen und Männer) im Unternehmen auf Unterschiede in den Verteilungen auf Populationsebene schauen muss. Unterschiede in der Verteilung von Eigenschaften zwischen Männern und Frauen auf Populationsebene könnten teilweise erklären, warum keine 50:50 Repräsentation vorliegt.

Was meint er damit? Er macht diese Aussage nochmals in einer eigenen Abbildung deutlich, nehmen wir aber zuerst einmal ein (weitgehend) unkontroverses Beispiel: die Körpergröße. Grob skizziert (Damore’s Skizze einmal etwas adaptiert) in der folgenden Abbildung:

Grob skizziert und nur zur Verdeutlichung von Verteilungen (Männer grün, Frauen violett).

Die Körpergröße ist bei Männern und Frauen normalverteilt (die beiden Glockenkurven zeigen Frauen und Männer, x-Achse ist die Körpergröße von sehr klein bis sehr groß, y-Achse ist die Häufigkeit). Wenige Personen sind sehr klein (jeweils linke Seite einer Verteilung) und wenige sind sehr groß (jeweils rechte Seite einer Verteilung). Die meisten Männer und Frauen haben jeweils eine mittlere Körpergröße (jeweils die Erhebung zur Mitte der jeweiligen Verteilung hin). Aber die mittlere Körpergröße unterscheidet sich bei Männern und Frauen — Männer sind im Durchschnitt größer als Frauen (siehe die beiden Zahlenwerte in der Abbildung). Diese beiden sich überlappenden Verteilungen verdeutlichen, dass Männer im Durchschnitt größer sind als Frauen, und dass es mehr größere Männer als größere Frauen gibt (und mehr kleinere Frauen als kleinere Männer). Es gibt natürlich trotzdem sehr große Frauen und sehr kleine Männer — aber die Häufigkeit unterscheidet sich.

Er macht diese Aussage explizit in seiner eigenen Abbildung deutlich und grenzt sie von einer falschen Sichtweise à la «alle Mitglieder einer Gruppe sind besser als alle Mitglieder der anderen Gruppe» ab:

Damore’s Abbildung aus seinem Memo.

Damore wendet dieses Modell auf eine Reihe von psychologischen Eigenschaften an (z.B. Offenheit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus) und verbindet diese mit Erfolg im Software Engineering bei Google. Er betont dabei immer wieder, dass es sich um Verteilungen von Eigenschaften oder Interessen handelt und dass man auf Individuen schauen muss. Der Pool von geeigneten Kandidatinnen ist kleiner (insbesondere im positiven Extrembereich, in dem Google sucht), aber es gibt sie. (Im Prinzip kann jede kompetente Softwareentwicklerin bei Google auf das extreme rechte Ende der eigenen Verteilung zeigen und sagen: «Hier bin ich.»).

Die Datenlage

Hat Damore mit seiner Aussage recht? Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen in den Verteilungen von relevanten Merkmalen — z.B. Interessen oder Eigenschaften — auf Populationsebene?

Die Frage ist überraschend schwierig zu beantworten. Heterodox Academy — eine Organisation, die sich für Perspektivenvielfalt(*) («viewpoint diversity») einsetzt — hat drei sehr umfangreiche und sehr detaillierte Beiträge zu dem Thema veröffentlicht («The Google Memo: What Does the Research Say About Gender Differences?», «The Most Authoritative Review Paper on Gender Differences», und «The Greater Male Variability Hypothesis – An Addendum to our post on the Google Memo»).

Wie man an den Beiträgen sieht ist die Datenlage sehr komplex. Auf Basis der unterschiedlichen Metaanalysen (Zusammenfassungen unterschiedlicher Studien) kommen die Autoren (sehr vereinfacht gesagt) zu den folgenden Schlussfolgerungen: Große Unterschiede im Interesse (Menschen vs. Sachen) existieren — diese sind relevanter als Unterschiede in Fertigkeiten. Kultur und Kontext spielen eine komplizierte Rolle (u.a. kann mehr Gleichberechtigung in einem Land zu größeren Geschlechtsunterschieden in einigen Eigenschaften und der Berufswahl führen). Männer sind je nach Aufgabetyp in vielen räumlichen Aufgaben überlegen während Frauen bessere Schulnoten bekommen und v.a. bei verbalen Fertigkeiten besser sind. (Auch hier: Wir sprechen von Verteilungen auf Populationsniveau.).

Bei Verteilungen auf Populationsniveau folgen die Autoren allerdings der Hypothese, dass bei vielen Eigenschaften die Unterschiedlichkeit bei Männern größer ist als bei Frauen. Zu sehen in der folgenden Abbildung (via Heterodox Academy aus Hyde und Mertz, 2009).

Abbildung aus Hyde und Mertz (2009).

Kurz gesagt, die Mittelwerte unterscheiden sich im Gegensatz zu Damore’s Diagram nicht, aber die Verteilung der Männer ist breiter (Unterschiedlichkeit bzw. Varianz ist größer). Das heißt, es gibt mehr Männer mit sehr hohen Werten und es gibt mehr Männer mit sehr niedrigen Werten (letztere werden in diesen Diskussionen üblicherweise ignoriert). Da Google im Extrembereich sucht (Personen mit sehr hohen Werten auf den wünschenswerten Eigenschaften) kann es auch ohne diskriminierendes Vorgehen dazu führen, dass mehr Männer als Frauen eingestellt werden — einfach weil es in diesem Bereich mehr Männer als Frauen gibt.

Auch hier und von den Autoren explizit betont: Das heißt nicht, dass Frauen ungeeignet sind — jede Person im oberen (d.h. extrem rechten) Bereich ist geeignet, egal ob männlich oder weiblich. Im Gegenteil, es gibt Belege dafür, dass Frauen mit hohen Werten auf diesen Eigenschaften ebenfalls sehr hohe verbale Fertigkeiten mitbringen. Das kann allerdings auch dazu führen, dass sie sich aufgrund der größeren Optionen für eine andere Laufbahn entscheiden.

Wie geschrieben ist die Datenlage komplex und insbesondere die letzten beiden Abschnitte («In conclusion …» und «If our conclusions …») im Beitrag «The Greater Male Variability Hypothesis – An Addendum to our post on the Google Memo» sind sehr lesenswert.

Soweit ein kurzer Überblick der Datenlage. Auch wenn Damore nicht in allen Aspekten recht hatte, waren viele seiner Einwände berechtigt und werden gute Diskussionspunkte auf.

Meinungshoheit

Wenn man die Medienberichte einmal dem eigentlichen Text sowie der wissenschaftlichen Datenlage gegenüberstellt, dann stellt sich die Frage: Warum diese heftigen, emotionalen Reaktionen der Medien und anderen (semi-)öffentlichen Personen? Warum die Unterstellungen von Sexismus?

Damore selbst hat in seinem Text schon auf eine mögliche Erklärung verwiesen — eine vorherrschende Ideologie, die bestimmte Werte als «heilig» ansieht und auf abweichende Meinungen mit moralischer Empörung reagiert. Aussagen sind dann nicht «falsch», sie sind unmoralisch und damit nicht diskutierbar. Schlimmer noch — moralische Betrachtungsweisen polarisieren — eine neutrale, auf Daten und Analysen wartende Position ist nicht mehr möglich. Man ist entweder für oder gegen die Sichtweise — wer nicht für einen ist, der ist gegen einen.

In dieser Hinsicht ist Damore’s Vorschlag, die Diskussion zu entmoralisieren ein guter Punkt. Dieser Vorschlag wurde offensichtlich nicht angenommen — die Medien haben überwiegend moralisierend reagiert und ihm wurde gekündigt. Das mag u.a. daran liegen, dass schon der Vorschlag, die Diskussion zu entmoralisieren, als unmoralisch aufgefasst wird. Zu einer sachlichen Auseinandersetzung kommt es nicht, wenn schon vorher eine intensive emotionale Reaktion auftritt und diese für das eigene Empfinden als moralische Person wichtig ist (vgl. Haidt).

Eine andere mögliche Ursache, warum manche Personen Meinungshoheit statt Perspektivenvielfalt bevorzugen, mag in einem Interessenkonflikt begründet sein. «Diversity»-Themen sichern bei einigen Personen die Stellen und das Einkommen, innerhalb wie außerhalb von Organisationen. Damore kritisiert den status quo und ruft entsprechend Widerstand hervor, wenn er sich dafür einsetzt, Individuen mit ihren individuellen Eigenschaften — anstelle von Gruppen als homogenes Ganzes — zu betrachten.

Die konstruktiven Vorschläge von Damore, mehr Frauen in die Softwareentwicklung zu bringen, kommen ohne Diskriminierung zwischen Männern und Frauen aus: z.B. kollaborativere Arbeitsformen, menschzentrierteres Arbeiten, Unterstützung von Work-Life-Balance und Teilzeitarbeit. Bei Google werden dagegen anscheinend v.a. Programme und Kurse eingesetzt, die auf Basis von Gruppenzugehörigkeit filtern. Das diese Maßnahmen nicht für alle Gruppenmitglieder notwendig sind (es aber implizit unterstellen), und Mitglieder anderer Gruppen — die vergleichbare Förderung benötigen — ignorieren (überschneidende Verteilungen!), wird dabei in Kauf genommen. Damore verweist (vermutlich nicht zu unrecht) darauf hin, dass dieses Vorgehen zu Spannungen führen kann. Hier kann man sich auch die Frage stellen, ob Individualität, Freiheit und das Leistungsprinzip hinter Kollektivismus und Planwirtschaft zurücktreten sollte.

Perspektivenvielfalt

Letztlich hat Damore einige gute Punkte angesprochen. Die bittere Ironie ist, dass er offensichtlich recht hatte, als er von einer ideologischen Echokammer gesprochen hat, in der andere Sichtweisen nicht akzeptiert werden. Es reichte, dass eine andere Person seine Überlegungen an die Öffentlichkeit weitergab, um entlassen zu werden.

Google hatte einmal das Motto «Don’t be evil.» [Sei nicht böse.] — inzwischen scheint es so zu sein, dass es jetzt «evil» ist, die «heiligen» Werte kritisch zu hinterfragen. Selbst wenn dies — wie im Fall von Damore  — differenziert, selbstkritisch, respektvoll und in internen Foren erfolgt.

Laut Damore’s Aussagen und Umfragen bei Google vertritt er keine Einzelposition. Andere Mitarbeiter/innen stimmten ihm — privat — zu, würden sich allerdings aufgrund der Unternehmenskultur öffentlich nie entsprechend dazu äußern.

Eine solche Situation ist Gift für jede Organisation.

Mit einer «Disagreement is evil.» Position blendet sich Google selbst. Bei vielen Themen gibt es unterschiedliche Positionen. Abweichende Positionen einfach zu ignorieren, oder als «böse» darzustellen und dadurch zum schweigen zu bringen, ist ein sehr schlechter Weg um sich in der Welt zu orientieren.

Was fehlende Perspektivenvielfalt ausmacht, konnte man in den USA Ende 2016 schön beobachten, als viele politisch links stehende Wähler/innen fassungslos erleben mussten, wie Donald Trump «überraschend» gewann. Das es — in den relevanten Bundesstaaten — ausreichend viele Personen gab, die anders dachten, war für diese politisch links stehenden Wähler/innen und weite Teile der ebenfalls linken Medienlandschaft undenkbar. Unterschiedliche Sichtweisen zu ignorieren oder als moralisch verwerflich darzustellen führt dazu, dass weite Teile der Bevölkerung übersehen werden. Mit entsprechenden Konsequenzen — auch in Deutschland. Und gerade für Dienstleistungsunternehmen wie Google ist das dem Überleben nicht zuträglich (wobei die Filter bei Google kein Problem damit haben, das Geschlecht als Variable zu verwenden).

Wir leben in einer komplexen Welt, in der man mit nur einer Perspektive nicht weit kommt. Selbst wenn es nur «Teufel’s Advokat» ist, Perspektivenvielfalt ist entscheidend. Wir benötigen offene, sachliche, auf Argumenten und Belegen basierende Diskussionen — insbesondere von moralisch (und damit emotional) geladenen Themen.

(*) Ich verwende «Perspektivenvielfalt» statt «Meinungsvielfalt», weil bei Meinungen eine Beliebigkeit und Konsequenzenlosigkeit mitschwingt («jeder hat seine Meinung»), die ich beim englischen Begriff «viewpoint diversity» nicht sehe. Für mich sind Perspektiven zumindest teilweise auf Argumenten und Belegen basierend, auch wenn sich Perspektiven z.B. darin unterscheiden, welche Daten sie im Blick haben, wie sie diese gewichten oder interpretieren.

Links

Dokument im Original: https://assets.documentcloud.org/documents/3914586/Googles-Ideological-Echo-Chamber.pdf

Onlineversion von Gizmodo ohne Quellenangaben und Abbildungen: Here’s The Full 10-Page Anti-Diversity Screed Circulating Internally at Google [Updated]: https://gizmodo.com/exclusive-heres-the-full-10-page-anti-diversity-screed-1797564320

Heterodox Academy

Spiegel.de Berichte/Kommentare

Soziale Kommentatoren/innen auf YouTube

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: