Ein kleiner Beitrag nicht nur zum kommenden Fest: Helfen oder nicht helfen?

Nehmen wir die Jahreszeit als Grund für einen kleinen Exkurs zum Thema Hilfeverhalten. Hiermit ist nicht das Spenden von Geld an wohltätige Organisationen gemeint (bei mir haben das die Abzüge vom Weihnachtsgeld erledigt), sondern das alltägliche Hilfeverhalten.

Wir möchte vermutlich alle in einem Notfall richtig handeln, z.B. wenn jemand auf der Straße zusammenknickt. In der Realität gehen viele Personen aber einfach weiter oder stehen hilflos um die Person herum, wie in diesem sehr eindrucksvollen Beipiel:

Meist wird das Verhalten mit ’sozialer Kälte‘ oder ‚Menschen sind halt egoistisch‘ „erklärt“. Dabei hat die Psychologie schon seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein ziemlich gute Erklärungen dafür, warum Personen so selten helfen.

Eine wichtige Vorbemerkung: Diese Erklärungen entschuldigen unterlassene Hilfeleistung nicht, aber sie machen das Verhalten nachvollziehbar und damit verstehbar und beeinflussbar. Bei anderen und bei sich selbst.

Wenn ein Notfall eintritt gibt es nach Latané und Darley (1970, nach Baron, Byrne und Branscombe, 2006) fünf Stufen, die entscheiden, ob eine andere Person hilft. Nur wenn jede Stufe erfolgreich durchlaufen wird, hilft eine Person auch.

Stufe 1: Wahrnehmen der Situation

Zunächst einmal sind Notfälle sehr selten. Das macht sie unerwartet und nicht vorhersehbar. Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt und wir nehmen nicht alles um uns herum wahr — das würde uns komplett überfordern. Als Folge können wir Notfälle übersehen — insbesondere unter Zeitdruck passiert dies leicht.

Stufe 2: Situation richtig interpretieren

Es mag banal klingen, aber Notfälle sind nicht immer offensichtlich — wir haben oft nur begrenzte Informationen, sehen nur einen Ausschnitt der Situation. Wenn Kinder schreien passiert das üblicherweise nicht, weil sie gerade durch die Eisschicht eines zugefrorenen Sees gebrochen sind und in akuter Lebensgefahr sind. Insbesondere die Angst sich lächerlich zu machen ist hier extrem schädlich. Die Anwesenheit von anderen Personen macht hier Hilfeverhalten weniger wahrscheinlich, weil normalerweise jeder auf die anderen schaut um Hinweise für die Interpretation der Situation zu erhalten („ist das ein Notfall oder nicht?“). Aber da dies alle machen, reagiert keiner („pluralistic ignorance“).

Stufe 3: Verantwortlich dafür fühlen zu helfen

Selbst wenn man die Situation richtig als Notfall interpretiert, muss man sich verantwortlich dafür fühlen, zu helfen. In einigen Situationen sind die Verantwortlichkeiten klar, z.B. wenn die Polizei oder Feuerwehr involviert ist. Aber wenn man als Privatperson unterwegs ist, muss man sich selbst verantwortlich fühlen. Ist man alleine ist das recht einfach — niemand anders kann helfen. Problematisch wird es, wenn mehrere Personen anwesend sind — dann kann es zu einer Verantwortungsdiffusion kommen und Hilfeleistung wird um so unwahrscheinlicher, je mehr Personen anwesend sind.

Stufe 4: Fertigkeiten richtig einschätzen um zu helfen

Auch wenn man sich verantwortlich dafür fühlt, zu helfen, reicht dies nicht. Man muss auch zu der Einschätzung kommen, dass man über die notwendigen Fertigkeiten verfügt, um zu helfen (Hand auf’s Herz, wann war der letzte Erste Hilfe Kurs?). (Ein positiver Aspekt von Handies — wenn man selbst nicht helfen kann, kann man zumindest Polizei oder Feuerwehr anrufen.)

Stufe 5: Die letztendliche Entscheidung fällen, auch zu handeln

Im letzten Schritt müssen die positiven Aspekte von Hilfeleistung die negativen Aspekte übertreffen. Das mag unangenehm klingen, aber Hilfeleistung birgt Risiken, z.B. sich selbst in Gefahr zu begeben. Die erste Regel in einem Erste Hilfe Kurs ist, sich nicht selbst auch in Gefahr zu bringen. Ein Ausbilder meinte einmal treffend: „Wenn da dann zwei liegen und verbluten hilft das keinem.“.

Einflussfaktoren

Es gibt eine ganze Reihe von Einflussfaktoren, die Hilfeleistung wahrscheinlicher bzw. unwahrscheinlicher machen. Diese hier zu erläutern würde zu weit führen. In einem Organisationskontext hat man meist weniger Probleme mit Hilfeleistung in Notfällen. Die Verantwortlichkeiten sind meist klar geregelt und oft gibt es auch Ersthelfer/innen.

In alltäglichen Situationen sieht es allerdings anders aus. Hier hat man es meist mit Fremden zu tun und hier kommen „pluralistic ignorance“ und Verantwortungsdiffusion stark zum tragen. Je mehr Personen anwesend sind, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, das jemand hilft.

Empfehlungen

Auf der anderen Seite kann man dieses Wissen nutzen. Es ist leider normal, dass niemand anderes hilft, weil die Situation vielleicht komplett übersehen, nicht als Notfall eingestuft wurde, sich Personen nicht verantwortlich fühlen (weil ja auch andere da sind, die vielleicht „besser qualifiziert“ sind), oder weil Fertigkeiten fehlen oder die Nachteile von Hilfeleistung bei der Person überwogen.

Wenn man Hilfe benötigt heißt dies — soweit es möglich ist — den Notfall klar und deutlich signalisieren und — soweit möglich — aus einer Gruppe eine Person spezifisch ansprechen um die Verantwortungsdiffusion aufzubrechen.

Und wenn man eine mehrdeutige Situation sieht immer im Hinterkopf behalten, dass nur weil keiner eingreift und keiner hilft das nicht heißt, dass kein Notfall vorliegt. Es ist „normal“ aber leider auch schädlich, dass keiner eingreift. Hingehen und fragen kostet nichts. Und selbst wenn einem die Fertigkeiten zum Helfen fehlen kann man immer noch die Polizei oder Feuerwehr anrufen. Dafür muss man noch nicht einmal anhalten und sich in Gefahr bringen.

Aber es könnte in einem Notfall entscheidend sein.

 

Bildnachweis: Adalbert Begas [Public domain], via Wikimedia Commons http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAdalbert_Begas_Der_barmherzige_Samariter.jpg

Literaturnachweis: Basierend auf: Baron, R. A., Byrne, D. & Branscombe, N. R. (2006). Social Psychology (11th ed.). Boston, MA: Pearson/Allyn and Bacon.

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