Fünf Tage Organisationslaboratorium: Mehr als nur „Trockentraining“

Ein Organisationslaboratorium ist eine Großgruppenveranstaltung, in der in einem „sicheren Rahmen“ Organisationsprozesse ausprobiert werden können. Trotzdem kann es sich sehr schnell sehr „real“ anfühlen – und genau deshalb ungemein lehrreich sein.

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Während dieser Beitrag erscheint, bin ich gerade eines von sechs Staff-Mitgliedern* auf einem fünftägigen Organisationslaboratorium in einem großen Seminarhotel in der Nähe von Wien. Dieses Jahr nehmen 65 Studierende aus Österreich (FHWien der WKW, Uni Wien) und Deutschland (TH Köln) teil. Wenn mich jemand fragt was ein Organisationslaboratorium ist, antworte ich meistens im Scherz: „Wir sperren 65 Studierende in ein Hotel und sagen ‚Organisieren Sie sich!‘“. Ganz so ist es nun nicht, auch wenn diese Vorgehensweise – so wurde mir erzählt – in traditionell gruppendynamischen Kreisen früher durchaus üblich war. Dennoch steckt in meinem Scherz ein wahrer Kern.

Das Format „Organisationslaboratorium“ wurde in gruppendynamischen Traditionen als Selbsterfahrungs-Setting entwickelt und sollte den TeilnehmerInnen ermöglichen, unterschiedliche Aspekte von „Organisation“ in einem geschützten Rahmen (also nicht in der eigenen Organisation, wo man ja danach noch weiter arbeiten möchte) auszuprobieren. Die konkrete Ausgestaltung eines Organisationslaboratoriums kann dabei so vielfältig sein, wie die Personen, die es anleiten. Das Spektrum reicht von gar keine Struktur („Organisieren Sie sich!“) bis hin zu sehr viel Struktur (z.B. vorgegebene Simulation mit klaren Rollen und zielen).

Unser Organisationslaboratorium liegt irgendwo dazwischen. Es findet bewusst an einem relativ abgelegenen Ort in der Nähe von Wien statt, sodass die TeilnehmerInnen die ganze Woche inklusive der Pausen und Abende miteinander verbringen („müssen“). Das Anfangssetting wird eher sparsam gestaltet: Wir sagen zwar nicht nur, „Organisieren Sie sich!“, aber nach einer kurzen Begrüßung gibt es ein ca. 2-stündiges „Setup“, wo die grundlegende Start-Struktur aufgesetzt wird. Unter anderem wird das allgemeine Ziel der Veranstaltung (eine Organisation zu gründen und dabei über „Organisieren“ und „Organisationsprozesse“ zu lernen) vorgestellt. Dann wird die Aufgabe der Organisation grob und vage umrissen (z.B. die Organisation soll „Lernerfahrungen“ produzieren).  Am Ende der Einführung geben wir meist noch eine grobe Ausgangskonfiguration vor (z.B. welche Personen gemeinsam in einer Gruppe sind, ob es Führungskräfte gibt…). Dann übergeben wir relativ schnell die Verantwortung an die TeilnehmerInnen, die sofort beginnen können, ihre Organisation aufzubauen und auszugestalten.

Und dann geht das Experiment los. Ich bezeichne es nicht deshalb als Experiment, weil wir Staff-Mitglieder mit den TeilnehmerInnen experimentieren (auch wenn sie das manchmal denken), sondern weil keiner von uns weiß, wie es sich entwickeln wird. Das Interessante dabei ist, wie schnell die TeilnehmerInnen in die Organisation „hineingezogen“ werden. Innerhalb weniger Stunden entsteht eine Dynamik, sodass es kein „Trockentraining“ mehr ist, sondern alle buchstäblich am eigenen Leib erleben können, wie sich bestimmte organisationale Phänomene anfühlen. JedeR TeilnehmerIn bestimmt dabei selbst, was er/sie lernen und mitnehmen bzw. wie weit er/sie sich einlassen möchte. Beispielsweise können Führungsrollen eingenommen werden oder es kann mit unterschiedlichen Führungsstilen experimentiert werden. Kommunikationsplattformen können ausprobiert und wieder ersetzt werden – der Fantasie sind wenig Grenzen gesetzt.

Die Rolle des Staff ist es, zu begleiten, coachen, unterstützen und die TeilnehmerInnen (sanft) aus ihrer Komfort-Zone zu bringen und zu fordern, sodass neue Lernerfahrungen möglich werden.  Ich bin in diesem Organisationslaboratorium nun zum fünften Mal Staff-Mitglied – jedes Mal in leicht unterschiedlicher Konstellation.  Und jedes Mal war es völlig anders: Unter anderem gab es in den vergangenen Jahren einen Putsch (das Führungsteam wurde nach 3 Tagen „demontiert“), einen Betriebsrat, einen Firmenausflug, einen Investor aus Amerika – und vieles mehr. Jedes Mal war es sehr intensiv und jedes Mal war es extrem lehrreich – sowohl für die TeilnehmerInnen als auch für mich.

Ich habe einerseits durch das Beobachten der Prozesse, aber auch durch verschiedene „Interventions“-Versuche viel gelernt. Vor allem habe ich verstanden, dass, wenn die Gruppendynamik einmal im Gang ist, „von außen“ nur mehr bis zu einem gewissen Grad interveniert werden kann.  Die Organisation bestimmt dann selbst, was sie daraus macht (angewandte Systemtheorie in Reinform).

Ich kann jedem, der sich mit Organisation auseinander setzt – sei es in Forschung oder Beratung, sei es als Führungskraft – nur empfehlen, an einem Organisationslaboratorium teilzunehmen. Ich sage nicht, dass es leicht oder angenehm ist – aber es ist in jedem Fall eine extrem wertvolle Erfahrung, die einen noch lange begleiten wird.

 

* Diesjährige Staff-Mitglieder sind außer mir: FH-Prof. Dr. Gudrun Gaedke (FHWien der WKW), Prof. Dr. Babette Brinkmann (TH Köln), Dr. Joachim Schwendenwein (21st), Dr. Andrea Schaffar (Universität Wien) und Mag. Matthias Lang (Dwarfs & Giants)

Barbara Kump

Barbara Kump ist Professorin für Organisationsentwicklung an der Fachhochschule Wien, Assistant Professor am Institut für KMU-Management an der WU Wien, Expertin für Veränderungsprozesse, sowie ausgebildete Supervisorin und Business-Coach. Als promovierte Organisations- und Kognitionspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen organisationales Lernen, Organisationsentwicklung, sowie Wissensprozesse in Zusammenhang mit Veränderung.

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