Sehr geehrter Herr Abteilungsleiterin

Eine moderne Organisation sollte sich in allen internen und externen Texten um eine geschlechtergerechte Sprache bemühen. Nur so kann sichergestellt werden, dass sich alle, die den Text lesen (KundInnen, Mitarbeitende, Geschäftspartner), in gleicher Weise angesprochen fühlen. Ein Argument für diese Entscheidung und eine konkrete Strategie lesen Sie in diesem Beitrag.

Beispiel: Universität Leipzig

Die Universität Leipzig hat Anfang Juni für Furore gesorgt, mit der Ankündigungen, in offiziellen Dokumenten weibliche Funktionsbezeichnungen statt männliche zu verwenden. Prompt finden sich Überschriften, die z.B. Anreden wie „Sehr geehrter Herr Professorin“ befürchten. Alles ein großes Missverständnis. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Ersten gilt das nur für die Grundordnung der Universität, und zwar nur für dieses Dokument – wie die Rektorin der Universität jetzt klar gestellt hat. Es wurde entschieden, dort statt der üblichen, meist männlichen Form, in der sich die weibliche Schreibweise mit einer Fußnote begnügen muss – die weibliche Form zu verwenden. Zweitens hat aus sprachlicher Sicht noch nie ein Problem bestanden, eine Frau, die Professorin ist, grammatikalisch korrekt zu beschreiben. So ist natürlich auch weiterhin eine Frau Professorin, Mutter, Schwester und Fussballerin und ein Mann Professor, Vater, Bruder und Krankenpfleger. Und: Es ist weder nötig noch sinnvoll von schwangeren Frauen und Männern, oder von den Fussballern des Frauenfussballteams zu sprechen oder zu schreiben. Relevant wird die Frage nur, wenn in einem Text Frauen und Männer gleichermaßen gemeint sind, und das auch in der Sprache zum Ausdruck kommen soll.

Welche Strategien gibt es?

Was die Diskussion um die Entscheidung der Universität Leipzig zeigt ist: Es besteht große Unsicherheit über die geschlechtergerechte Formulierung von Texten. Es gibt drei Strategien:

  1. Generisches Maskulinum – Auch wenn Frauen und Männer gemeint sind, wird jeweils nur die männliche Form verwendet. Hier wird argumentiert, dass die LeserInnen das grammatikalische Maskulin als generisch verstehen, und Männer und Frauen gleichermaßen mitdenken. Oft wird zusätzlich in einer Fußnote darauf hingewiesen.
  2. Generisches Femininum – Auch wenn Frauen und Männer gemeint sind, wird jeweils nur die weibliche Form verwendet.
  3. Gendergerechte Sprache – Wo immer möglich, wird eine Formulierung gewählt, die explizit alle Geschlechter mit einschließt.

Das Problem: Das generische Maskulinum bzw. Femininum wird von den LeserInnen nicht als solches wahrgenommen. Einige linguistische Studien (z.B. die Studie von Gygax et al., 2008) zeigen, dass es ein generisches Maskulinum nicht wirklich gibt. Beim Satz „Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof“ denken die Versuchspersonen mit höherer Wahrscheinlichkeit an Männer, und halten deshalb den Satz „Mehrere der Frauen trugen keine Jacke“ als Nachfolgesatz für weniger sinnvoll als den Satz „Mehrere der Männer trugen keine Jacke“. Wäre das grammatikalische Geschlecht als generisch interpretiert worden, dürfte sich dieser Effekt nicht zeigen (Details zur Studie sind unter sprachlog.de zusammengefasst).

Warum überhaupt geschlechtergerechten Formulierungen?

Die Strategie 1 und 2 funktioniert also nicht. Warum aber ist das problematisch? Die Befürchtung ist, dass durch eine nicht geschlechtergerechte Formulierung der gedankliche Einbezug von Frauen beeinflusst wird. So zeigen die Studien von Stahlberg und Sczesny (2001), dass ein generisches Maskulinum dazu führt, dass den Versuchspersonen bei der Frage nach beliebten Persönlichkeiten oder KandidatInnen für ein politisches Amt weniger häufig Frauen einfallen, als bei einer Formulierung, die beide Geschlechter explizit einschließt. Im organisationalen Kontext lassen sich viele Beispiele finden, bei denen das problematisch sein könnte, z.B. wenn Kundinnen oder Mitarbeiterinnen sich weniger von einem Text angesprochen fühlen, oder wenn weibliche Kollegen gedanklich nicht mit einbezogen werden.

Gibt es eine Lösung?

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird immer noch mehrheitlich das generische Maskulinum verwendet. Trotzdem macht es Sinn, sich zumindest in schriftlichen Dokumenten um eine geschlechtergerechte Sprache zu bemühen. Dazu ist es in erster Linie nötig, beim Schreiben bewusster auf Formulierungen zu achten, die verhindern, dass sich alle angesprochen fühlen.

  • In vielen Fällen ist es möglich durch geschickte Wortwahl geschlechtsspezifische Formulierungen zu umgehen. So können Sie z.B. die Formulierung „Alle fussballbegeisterten Kollegen sind heute Abend herzlich eingeladen.“ ersetzen mit „Wer sich für Fussball interessiert, ist herzlich eingeladen“. Oder die Formulierung „Gesucht wird jemand, der sich interessiert für … „ durch „Gesucht wird jemand mit Interesse an …“. Oder statt „Hier ist das Know-How eines Fachmanns gefragt.“, „Hier ist fachkundiger Rat gefragt“. Vorsicht: Diese Strategie kann zu holprigen oder passiven Formulierung führen („Die Abteilungsleitung ist verantwortlich für die Benennung einer mit der Sicherheit beauftragten Fachkraft.“, statt „Der Abteilungsleiter benennen einen Sicherheitsbeauftragten.“). Hier ist sorgfältiges Abwägen wichtig.
  • Manchmal ist es möglich, eine Formulierung mit einer Partizipialkonstruktion zu wählen in der Form „die Mitarbeitenden“ oder „Autofahrenden“. Wird diese Formulierung zu häufig gewählt, leidet allerdings auch hier die Lesbarkeit („Rad Fahrende werden gebeten auf zu Fuß Gehende zu achten“). Vorsicht: Im Singular ist dieser Formulierung nicht mehr geschlechtsneutral. Die Rad Fahrende, ist eine Frau. Der zu Fuß Gehende ist ein Mann. Außerdem gibt es die Möglichkeit, abstrakte oder synonyme Begriff zu verwenden, wie z.B. „Bürokräfte“ (statt „Sekretärinnen und Sekretäre“) oder „Eltern“ (statt „Mutter und Vater“) oder „Personen“ (statt „Kolleginnen und Kollegen“).
  •  Wo elegantere Lösungen nicht funktionieren, favorisiere ich das Binnen-I, in der Form „KundInnen“ oder „KollegInnen“. Vorsicht: Diese Strategie funktioniert nur im Plural. Die Formulierung „die KundIn“ macht keinen Sinn, da das Personalpronomen ebenfalls geschlechtsspezifisch ist. Auch meiner Sicht sind Formulierungen wie die/der Kunde/in nicht besonders lesefreundlich, deshalb schlage ich hier die Version „die Kundin oder der Kunde“ vor.

Fazit: Gendergerechte Sprache ist möglich, und lässt sich in vielen Fällen sogar recht elegant umsetzen. Dafür ist etwas Übung notwendig, und das Bewusstsein, dass es sich lohnt, Männer und Frauen in Texten gleichermaßen anzusprechen und mitzudenken.

Gygax, P., Gabriel, U., Sarrasin, O., Oakhill, J., & Garnham, A. (2008). Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men. Language and Cognitive Processes, 23(3), 464-485.

Stahlberg, D., & Sczesny, S. (2001). Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. Psychologische Rundschau, 52(3), 131-140.

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