„Klatsch und Tratsch“ im Unternehmen kann zur Zusammenarbeit motivieren

Gossip („Klatsch und Tratsch“) haftet ein ziemlich schlechter Ruf an. Hinter dem Rücken eines Kollegen schlecht über diesen zu sprechen, betrachten wir meist als unmoralisch und verwerflich. Vielleicht zu Recht. Dennoch tun es viele – und die Forschung zeigt: Gossip kann im Arbeitskontext auch positive Folgen haben. Er kann Teammitglieder dazu motivieren, sich für ihr Team einzusetzen und nicht nur im eigenen Interesse zu handeln.

Gossip beschreibt das Austauschen von bewertenden Informationen über eine dritte Person oder Gruppe – also das, was wir im täglichen Sprachgebrauch als „Klatsch und Tratsch“ oder vielleicht auch „Lästern“ oder „Gerede“ bezeichnen. Häufig verbinden wir damit etwas Negatives, Unehrliches, vielleicht Respektloses. Und tatsächlich haftet ihm ein schlechter Ruf an. Dennoch legen Studien legen nahe, dass Menschen um die 2/3 ihrer Konversationszeit damit verbringen, solchen Gossip auszutauschen. Warum ist das so? Geht damit womöglich auch ein Nutzen einher?

Mögliche Funktionen von Gossip

In der psychologischen Forschung geht man deshalb davon aus, dass Gossip vielleicht tatsächlich wichtige Funktionen haben könnte. Eine mögliche Funktion könnte sozialer Natur sein: Gemeinsam „Klatsch und Tratsch“ auszutauschen, schweißt vielleicht zusammen – wenn auch womöglich auf Kosten derjenigen, über die gerade gesprochen wird.

Eine andere mögliche Funktion betrifft den Austausch von Informationen: In Form von Gossip werden in Organisationen häufig zwischen „Tür und Angel“ wichtige Details über Regeln und Erwartungen kommuniziert, die wichtig, aber nicht explizit irgendwo festgehalten sind: Wie formal sollte man sich z.B. kleiden? Welches Verhalten ist in Ordnung, welches nicht? Wird erwartet, dass Kollegen sich gegenseitig unterstützen? Oder arbeitet jede/r für sich alleine?

Mehr Einsatz für das Team?

An die zweite Funktion anknüpfend gingen Bianca Beersma und Gerben van Kleef (2011) der Idee nach: Womöglich hat Gossip auch in Teams einen Nutzen – nämlich den sicherzustellen, dass sich Kollegen für ihr Team einsetzen. Denn: Teamarbeit bringt zwar zahlreiche Vorteile mit sich, aber auch die Herausforderung, dafür zu sorgen, dass sich jedes Mitglied für das Team einsetzt und nicht nur im eigenen Interesse handelt .

Aus der Forschung wissen wir bereits: Mitglieder im Team setzen sich mehr füreinander ein, wenn der Beitrag jedes Einzelnen sichtbar gemacht  wird. So dass jeder im Team weiß, wer was beigetragen hat, es also nicht zu Verantwortungsdiffusion kommt. Aber ist das immer gleich wirksam?

Die Forscher nahmen an: Die Beiträge jedes Einzelnen sichtbar zu machen, sollte dann das Engagement für das Team fördern, wenn im Team auch Gossip ausgetauscht wird – denn nur hier ist es für den eigenen Ruf wichtig, dass man sich im Interesse des Teams engagiert und dies für die anderen sichtbar ist. Dieser „Klatsch und Tratsch“ könnte also eine Art sozialer Wegweiser sein, der dazu motiviert, sich auch für das Team (statt nur für eigene Interessen) einzusetzen.

Sichtbarkeit + Gossip fördern Einsatz für das Team

Zwei Studien bestätigten diese Idee: Die Teilnehmenden hatten z.B. die Möglichkeit, Lotterietickets aufzuteilen. Sie konnten frei entscheiden, wie viele Tickets sie für sich behalten und wie viele sie an ihr Team abgeben möchten. Ihnen wurde dabei gesagt, dass für ihre Kollegen (a) sichtbar oder (b) nicht sichtbar wird, wie viele Tickets sie behalten bzw. abgeben. Außerdem erhielten sie Hintergrundinformationen über ihr Team – u.a. darüber, ob ihre Kollegen (1) wenig oder (2) sehr zu Gossip neigen.

Die Ergebnisse zeigten: In einem Team mit (1) wenig Gossip nahmen die Teilnehmenden sich selbst Tickets – unabhängig davon, ob ihre Beiträge (a) für die anderen sichtbar oder (b) nicht sichtbar waren. In einem Team mit (2) viel Gossip hingegen nahmen sie sich selbst weniger Tickets und gaben ihrem Team mehr ab, wenn (a) ihre Beiträge sichtbar waren (statt (b) wenn diese nicht sichtbar waren). Hier verhielten sie sich also kooperativer – weil sie sich mehr Gedanken darüber machten, was ihre Kollegen von ihnen halten.

Fazit

Im Team die Beiträge des Einzelnen sichtbar zu machen, kann also womöglich die Einsatzbereitschaft für das Team fördern – besonders wenn man sich im Team auch informell durch „Klatsch und Tratsch“ austauscht. Dieser informelle Austausch kann also eine positive Funktion für die Zusammenarbeit haben. Zum Beispiel die, dass sich auch möglichst alle Mitglieder für ihr Team einsetzen. Diese Wirkung nicht außer Acht lassend, kommt es dabei längerfristig aber vielleicht auch auf andere Faktoren an – wie zum Beispiel auf das Teamklima und gegenseitige Vertrauen – oder auch darauf, dass der „Klatsch und Tratsch“ in angemessenem Ton kommuniziert wird.

Zum Artikel:
Beersma, B., & van Kleef, G. A. (2011). How the grapevine keeps you in line: Gossip increases contributions to the group. Social Psychological and Personality Science, 2, 642-649. https://doi.org/10.1177/1948550611405073

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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