Wann Mächtige doch Ratschläge annehmen

Kollegen und Experten stellen uns oft wichtige Informationen in Form von Ratschlägen zur Verfügung, die zu besseren Entscheidungen führen. Ratschläge anzunehmen fällt oftmals  gerade Mächtigen schwer, weil sie besonders auf ihr eigenes Urteil vertrauen. Das ist jedoch nicht immer so: Mächtige, die ihre Verantwortung erkennen, nehmen den Rat von anderen eher an. Es kommt also darauf an, ob man als Mächtige/r die eigene Position als Verantwortung versteht.

 

(Wann) Ignorieren Mächtige den Rat von anderen?

Macht bedeutet, Kontrolle über die eigene Situation und die anderer innezuhaben. Mächtige treffen Entscheidungen, die nicht nur sie selbst, sondern auch andere beeinflussen – zum Beispiel über Investitionen, Richtlinien in einer Organisation oder Beförderungen. Solche Entscheidungen fallen i.d.R. effektiver aus, wenn wir alle Informationen angemessen berücksichtigen, z.B. den Rat von ExpertInnen, KollegInnen oder Mitarbeitenden. Aber wann berücksichtigen Mächtige solchen Rat auch?

Die Forschung zeigte bislang: Macht löst ein starkes Vertrauen in das eigene Urteil aus. Mächtige neigen deshalb eher dazu, den Rat anderer zu missachten und womöglich schlechtere Entscheidungen zu treffen, als weniger Mächtige. Frank de Wit, Daan Scheepers, Naomi Ellemers, Kai Sassenberg und ich gingen deshalb der Frage nach: Ist das immer der Fall? Nehmen Mächtige dann den Rat von anderen an, wenn sie sich verantwortlich fühlen?

 

Macht als Verantwortung

Wir gingen dabei von folgender Annahme aus: Macht bietet Entscheidungsfreiräume (s.o.), die Menschen unterschiedlich verstehen können. Man kann Macht als Möglichkeit verstehen (z.B. dass man die eigenen Ziele erreichen oder wichtige Entscheidungen treffen kann) und/oder als Verantwortung (z.B. dass man dafür sorgen muss, dass Ziele erreicht werden und sich um wichtige Entscheidungen kümmern muss).

 Wir nahmen dabei an: Verstehen Mächtige ihre Position als Verantwortung, schätzen sie Hinweise von anderen mehr – und nehmen deshalb deren Rat eher an – als wenn sie ihre Position als Möglichkeit wahrnehmen.

Verantwortung fördert die Annahme von Ratschlägen

Drei Studien bestätigen dies: In einer Studie baten wir Führungskräfte, anzugeben, wie mächtig sie sich in ihrem Job fühlen und wie sehr sie ihre Macht als Verantwortung bzw. als Möglichkeit wahrnehmen. Ihre Mitarbeitenden gaben in einem separaten Fragebogen an, wie sehr ihre Führungskraft dazu neigt, Rat von ihnen anzunehmen.

Tatsächlich schienen die Führungskräfte dann mehr Rat anzunehmen, wenn sie ihre Macht als Verantwortung (statt als Möglichkeit) wahrnahmen; das traf v.a. auf die Führungskräfte zu, die in ihrem Job auch hohe Macht erlebten (für Führungskräfte, die ohnehin wenig Macht in ihrem Job erlebten – also z.B. wenig Einflussmöglichkeiten – spielte das Verständnis als Verantwortung / Möglichkeit kaum eine Rolle).

Dasselbe Ergebnis zeigte sich in den anderen beiden Studien, in denen sich Mächtige direkt entweder die Möglichkeiten bzw. die Verantwortung ihrer Position bewusstmachen sollten. Hier lösten sie anschließend eine Entscheidungsaufgabe und erhielten dazu Ratschläge (Tipps und Hinweise) u.a. von einem Experten. Wieder nahmen die Mächtigen, die über ihre Verantwortung nachgedacht hatten, mehr Ratschläge an (als die Mächtigen, die über ihre Möglichkeiten nachgedacht hatten und als eine Kontrollgruppe, die über keines von beidem nachdachte) – weil sie die Ratschläge der anderen stärker schätzten, z.B. als nützlicher bewerteten.

 

Fazit

Macht verleitet nicht immer dazu, nur in das eigene Urteil zu vertrauen: Es scheint dabei darauf anzukommen, wie Mächtige ihre Macht gerade verstehen.

 In den Bereichen, in denen Macht bisher vor allem erforscht wurde (z.B. im Arbeitskontext oder in Laborexperimenten), schien es, als würden viele Menschen Macht vor allem als Möglichkeit verstehen; im Alltag hingegen wird Macht womöglich auch oft als Verantwortung verstanden. Es könnte also z.B. im Arbeitskontext helfen, sich die Verantwortung als Mächtige/r bewusst zu machen („Worum möchte/sollte ich mich kümmern, wenn ich diese Entscheidung treffe?“), damit man Rat von anderen dabei ausreichend berücksichtigt.

Wichtig ist es außerdem, die Bedingungen zu kennen, unter denen Mächtige sich eher ihrer Verantwortung bewusstwerden. Das kann z.B. von der Person selbst, der konkreten Situation und dem Arbeitsumfeld abhängen – womit wir uns in einem zukünftigen Beitrag näher beschäftigen werden.

Hier geht es zum Artikel: De Wit, F., Scheepers, D., Ellemers, N., Sassenberg, K., & Scholl, A. (2017). Whether power holders construe their power as responsibility or opportunity influences their tendency to take advice from others. Journal of Organizational Behavior.

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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