Haben Sie noch Zeit für Ihre Gedanken?

Sei es Facebook, Twitter, YouTube oder Blogs wie dieser — es ist heutzutage extrem einfach, sich beständig mit neuen Inhalten zu überschütten. Das sehr angenehm, insbesondere wenn wir uns vor allem den Inhalten zuwenden, denen wir eher zustimmen (confirmation bias) bzw. Algorithmen unsere Positionen erkennen und alle widersprechende Inhalte fernhalten (filter bubble).

Allerdings sind die Algorithmen vor allem deswegen so hilfreich, weil wir bei Informationen, die wir für interessant befinden, länger auf der Website oder in der App bleiben. «Wenn das Produkt nichts kostet, dann sind Sie das Produkt» bringt es auf den Punkt — und Sie bezahlen mit Ihrer Zeit, die sich in Werbeeinnahmen rechnet.

Diese «attention economy» geht an die kostbarste Ressource, die wir haben: Unsere Zeit.

Insbesondere Social Media Apps auf dem Handy halten uns nicht nur ständig mit Notifications auf dem Laufenden, sie halten uns auch am laufen. In jeder potenziell ruhigen Minute haben wir neue Inhalte, die auf uns warten. Aufgeteilt in kleine Häppchen, die man sich schnell ansehen kann. Inhaltliches Fast Food, das sehr angenehm schmeckt, aber selten reichhaltig ist.

Und während wir uns mit ständig neuen Inhalten auseinander setzen — wo bleibt die Zeit für unsere eigenen Gedanken? Für die stillen Momente des z.T. zwangsweisen «nichts tun»? Momente, in denen wir die eigenen Gedanken kreisen lassen können? In denen wir selbst auf neue Ideen kommen können? Eigene Überlegungen und Pläne machen können?

Dass diese Zeit zuerst weniger wird, und dann — bei einem «always connected» Leben — schließlich gänzlich verschwindet, ist ein oft schleichender Prozess. Sich hierüber einmal Gedanken zu machen, wann man sich wie mit welchen Inhalten auseinander setzt, ob man sich bewusst für Inhalte entscheidet, oder ob es eine Gewohnheit ist, bei der die Inhalte unbekannt sind und nur gewiss ist, dass es etwas neues gibt — das ist etwas, über das es sich lohnt, einmal abseits von digitalen Medien nachzudenken.

Für Impulse für ein Leben, das weniger von «time on site» durch sehr geschickt erstellten Apps und Websites bestimmt ist, kann ich die Arbeiten von Tristan Harris sehr empfehlen. Er kritisiert Entwicklungen, die mit psychologischen Techniken Nutzer/innen lange auf den Apps/Sites halten und plädiert für «time well spent». Auf einer seiner Websites gibt er u.a. die folgenden Tips für etwas mehr Reflexion und Kontrolle mit dem Handy (http://www.timewellspent.io/take-control/):

  • Notifications von Menschen erlauben, nicht von Maschinen: Settings so einstellen, dass nur Nachrichten (Notification) von Menschen angezeigt werden (z.B. WhatsApp, FB Messenger, Messages), nicht von Maschinen/Websites
  • Werkzeuge behalten, aber mehr Distanz zu gedankenloser Verwendung: Werkzeuge wie Maps, Kamera, Kalender, Notizen, etc. auf den Startbildschirm behalten, aber Apps, die man ohne zu überlegen öffnet, weil sie das erste sind, was man sieht (z.B. Twitter), in Ordner ablegen
  • andere Apps durch Tippen starten: Etwas mehr Aufwand um sich zu überlegen, ob man wirklich die Zeit damit verbringen will
  • Handy außerhalb des Schlafzimmers aufladen: um zu verhindern, dass man morgens direkt vom Handy bestimmt wird

Tristan Harris verweist in seinen Vorträgen auch auf «Amusing Ourselves to Death» von Neil Postman. Auch wenn Postman das Fernsehen im Blick hatte, Harris hat Recht: Viele der Kritikpunkte lassen sich 1:1 auf das Internet übertragen, wobei das Internet noch wesentlich weiter geht als das Fernsehen. Das Vorwort allein ist … heutzutage merkwürdig vertraut:

[…]
What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one.
Orwell feared those who would deprive us of information. Huxley feared those who would give us so much that we would be reduced to passivity and egoism.
Orwell feared that the truth would be concealed from us. Huxley feared the truth would be drowned in a sea of irrelevance.
Orwell feared we would become a captive culture.
 Huxley feared we would become a trivial culture, preoccupied with some equivalent of the feelies, the orgy porgy, and the centrifugal bumblepuppy.
As Huxley remarked in Brave New World Revisited, the civil libertarians and rationalists who are ever on the alert to oppose tyranny «failed to take into account man’s almost infinite appetite for distractions.» […]
«Amusing Ourselves to Death» von Neil Postman

Leider wird Kritik an einer unreflektierten und letztendlich fremdbestimmten Medienverwendung leicht mit Technikpessimismus gleichgesetzt. Die Idee ist aber nicht, wieder zu Telefon und Festnetzverbindungen zurückzukehren, sondern die Kontrolle («agency») im Umgang mit Technik wieder der Person zurückzugeben, die wirklich relevant ist: Ihnen selbst.

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