Interview mit Uwe Seidel zu Erfolgskriterien von Wissensmanagement

In Vorbereitung unseres Knowledge Jam auf der iKnow2011 habe ich die Möglichkeit Uwe Seidel vom Innenministerium Baden-Württemberg, Polizeipräsidium zu interviewen. Er ist verantwortlich für das Projekt POLIZEI-ONLINE. Die Polizei Baden-Württemberg betreibt mit POLIZEI-ONLINE ein fortlaufend weiterentwickeltes Bildungs- und Wissensmanagementsystem, das mittlerweile national und international Vorbildfunktion hat und als Grundlage für vielfältige Kooperationen dient. Im Interview habe ich mit ihm über erfolgreiches Wissensmanagement gesprochen und nach dem Wissensmanagement-Killer befragt. Seine Antwort: Wissensmanagement in ausschließliche Verantwortung der IT-Abteilung geben und den Ansatz auf IT-Entwicklung und Budget-Fragen beschränken.

Warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Wissensmanagement? Was fasziniert Sie daran?

Wissensmanagement ist ein sehr breites Thema, das m.E.  sehr sehr viele unterschiedliche Facetten aufweist. Faszinierend ist die Vielfalt von Ansätzen, aber vor allem, dass das Thema aus organisationsentwicklerischer Sicht eine ständige Herausforderung bedeutet. Mich fasziniert es, Wissensmanagement wirken zu lassen und nicht nur darüber zu reden oder wissenschaftliche Abhandlungen zu schreiben.

Was bedeutet für Sie erfolgreiches organisationales Wissensmanagement?

Akzeptanz und so eingeführt, dass keiner mehr darüber redet. Technik tritt in den Hintergrund, Mehrwert für die Organisation lässt sich darstellen. Bedeutung ist auf strategischer Ebene bekannt und wird unterstützt. Raum für innovative Ansätze ist vorhanden.

„Mein WM-Story“: Was Ihr größtes Aha-Erlebnis in Bezug auf das Thema Wissensmanagement?

Wie WM sich selbst weiterentwickelt, wenn der Anschub erfolgreich ist. Die Organisation als lebender Organismus, der auch unberechenbare Entwicklungen ermöglicht, der Einfluss von WM auf die Kultur, z.B. Expertenvernetzung oder Bereitstellung von intrinsischem Wissen.

Welches ist die aus ihrer Sicht wichtigste technische Innovation, die das Wissensmanagement heute bestimmt? Was muss man beim Einsatz von Social Software (bspw. Wikis) in Unternehmen bedenken? Wo sehen Sie die Grenzen von Social Software im WM?

WM wird leider noch viel zu häufig auf Wikis oder sog. Web 2.0 beschränkt. Dabei war oft schon Web 1.0 in diesen Unternehmungen nicht erfolgreich (vielleicht hat man sich deshalb auch um so bereitwilliger auf technischen Lösungen von Web 2.0 gestürzte). Ich messe WM an der Breite des Ansatzes und dem Erreichten auf die gesamte Organisation. Beschränken wir uns aber auf Wikis, dann ist mir wichtig, dass ein Wiki nicht Raum für Selbstverwirklichung sondern verläßliche Informationen bietet. Dies wiederum bedeutet, dass Experten motiviert werden müssen und die Technik ein dezidiertes Rechtemanagement ermöglicht. Natürlich darf die Technik keine Hürde darstellen (Usability). Themen für Wikis gibt es dann zuhauf.

Der Wissensmanagment-Killer: Was muss man tun, damit Wissensmanagement auf jeden Fall schief geht?

Wissensmanagement in ausschließliche Verantwortung der IT-Abteilung geben und den Ansatz auf IT-Entwicklung und Budget-Fragen beschränken. Oder auch WM durch die Hintertür ohne Unterstützung der Unternehmensleitung einführen zu wollen.

Was fehlt einem Unternehmen, dass kein aktives WM betreibt?

Ein wichtiger  Faktor in der Unternehmenskultur der sich zum Wettbewerbsnachteil auswirken kann.

Wie kann Wissensmanagement in einer Organisation als wertvoll betrachtet werden, ohne dass es direkten Output liefert?

Wenn alle eingeführten Elemente breit akzeptiert und genutzt sind. Output kann auch eine Veränderung der Unternehmenskultur sein, die aber sehr wahrscheinlich nicht als Output gemessen wird (auch nicht als Outcome).

Ihr Unternehmen hat zusätzliche 100 000€ zur Verfügung, wie überzeugen Sie das Management, in WM zu investieren? Wie viel davon würden Sie in WM investieren?

100.000 Euro, wenn das Unternehmen eine gewisse Größe hat, ein sehr geringes Budget.

Was motiviert oder hindert Sie daran, eigene Erfahrungen und Wissen mit Kollegen auszutauschen?

Häufig die Unternehmenskultur und oft auch fehlende oder als fehlend wahrgenommene Möglichkeiten. Führung muss das einfordern und der Kommunikative muss belohnt werden (Netzwerker, Teamarbeiter, Wissensträger/-vermittler). Experten brauchen ein gewisses Maß an Freiheit und kein zu enges Korsett. Also fast immer auch eine Frage der Führung. Unternehmensleitung muss die strategischen Ziele darauf ausrichten und die Bedeutung von WM artikulieren.

Welche Unternehmenskultur schafft gute Voraussetzungen für erfolgreiches WM?

Selbstverantwortung, Teamorientierung, Delegation, Kooperatives Führen….

Wenn Sie jeden Tag genau 7 Minuten für Wissensmanagement hätten: Wie würden Sie die nutzen?

Kollegen im Forum für Fragen zur Verfügung stehen, persönliche Gespräche mit interessanten Kollegen führen, weniger E-Mails schreiben und mehr mit Menschen kommunizieren. Teambesprechungen machen und alle Teilnehmer aktivieren. Dazu reichen aber 7 Minuten am Tag nicht – leider.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten 3 „hot topics“ der nächsten Jahre?

  • Echtzeitkommunikation (Video-Conferencing, Instant-Messaging…) und flexible Arbeitsformen (Home-Arbeitsplatz, mobiler Arbeitsplatz).
  • Integration von allen Tools und IT-Verfahren – Personalisierung, Flexibilisierung, Web-Fähigkeit (vernetztes Arbeiten, Cloud…)
  • Kompetenzerfassung/Erfahrungs-/Wissensübertrag (Demografischer Wandel)

 

Stellen Sie sich vor, es wäre „alles möglich“: Wie sähe das ideale Wissensmanagement aus?

Zu dieser Frage müsste ich ein Buch schreiben, das geht nicht in der gebotenen Kürze. Ist aber sehr spannend. Es stellt sich aber die Frage nach der Art der Unternehmung bzw. der Organisation.

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