Intuition und rationales Denken: Widersprechen oder ergänzen sie sich?

Oft gehen wir davon aus, dass sich Intuition und rationales Denken gegenseitig ausschließen. Eine neue Datensichtung der Befunde hat gezeigt: Beide Denkstile können unabhängig voneinander hoch oder niedrig ausgeprägt sein und hängen anders als erwartet mit Persönlichkeitsmerkmalen zusammen. 

wissens.blitz(187)

Eine für Führungskräfte oft wichtige Unterscheidung ist die Frage, wie Menschen entscheiden und urteilen (siehe wissens.blitz 178 und 173): rational oder intuitiv. Während rationales Denken (kurz: Ratio) absichtsvoll, bewusst und vernunftbasiert ist, beschreibt Intuition einen Denkprozess, der auf spontanen, unbewussten, gefühlsbasierten Urteilen basiert. Viele Menschen gehen davon aus, dass Intuiton und Ratio einander ausschließen und mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften zusammen hängen. Ein gängiges Klischee ist etwa, dass ein gewissenhafter Neurotiker eher rational entscheidet, während der offene Kontaktfreund eher intuitiv urteilt. Vor allem in der Personalauswahl, aber auch in der Personalbeurteilung machen wir uns solche angenommenen Zusammenhänge zunutze. Aber stimmen diese Annahmen überhaupt?

Schließen sich Ratio und Intuition aus?

Wissenschaftlich ausgedrückt ist die zentrale Frage, ob Intuition und rationales Denken (a) zwei Enden eines Kontinuums darstellen oder ob es (b) zwei voneinander unabhängige Denkstile sind (siehe Abbildung). Im ersten Fall (a) würden Intuition und Ratio einander ausschließen (entweder ist Intuition hoch ausgeprägt oder Ratio). Im zweiten Fall (b) sind die beiden voneinander unabhängig – eine Person könnte beispielsweise sowohl hoch intuitiv als auch hoch rational sein. Wang und Kollegen (2017) sind dieser Frage nachgegangen.

Die Autoren durchforsteten alle 75 bisherigen Studien, in denen Intuition und Ratio getrennt voneinander gemessen wurden. Wenn es zwei Enden eines Kontinuums wären, würde man einen negativen Zusammenhang der beiden Stile erwarten (d.h. je höher das eine, desto niedriger das andere). Anhand der Auswertung kommen die Autoren zu dem Schluss, dass kein Zusammenhang existiert, d.h. die beiden Denkstile sind voneinander unabhängig.

Praktisch bedeutet das zunächst, dass Personen nicht entweder intuitiv oder rational oder „irgendwo dazwischen“ sind, sondern auch beides oder keines davon sein können. Auch in einzelnen Entscheidungssituationen (z.B. „Soll ich diesen Job annehmen?“) können beide Denkstile unabhängig von einander eingesetzt werden. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass die Ausprägung von Ratio und Intuition mit Persönlichkeitsmerkmalen zusammen hängt.

Denkstil und Persönlichkeit

Dazu untersuchte die Forschergruppe rund um Wang, wie die beiden Denkstile mit den „Big Five“, den fünf zentralen Persönlichkeitsmerkmalen, die in der Literatur etabliert sind – Neurotizismus, Offenheit für Neues, Extraversion, Gewissenhaftigkeit und soziale Verträglichkeit in Verbindung stehen. Sie fanden heraus, dass Intuition stärker mit Extraversion in Zusammenhang steht als Ratio; umgekehrt scheint rationales Denken stärker mit Gewissenhaftigkeit und Offenheit zusammen zu hängen als Intuition. Die Persönlichkeitsmerkmale Neurotizismus und soziale Verträglichkeit hängen nicht mit den Denkstilen zusammen.

Fazit

Die Ergebnisse sind für Führungskräfte gute Nachrichten: Es durchaus möglich, dass Personen sehr intuitiv sein und gleichzeitig sehr analytisch denken können. Salopp formuliert bedeutet das: Das Klischee vom sozial unverträglichen, hoch neurotischen, rein vernunftbasiertem Denker ohne Intuition ist empirisch ebenso wenig haltbar wie die Vorstellung, dass sehr intuitive Personen umgänglich und ausgeglichen sein müssen und keine rationalen Urteile fällen können. Wenn Sie als Führungskraft Mitarbeitende suchen, die in beiden Stilen hoch ausgeprägt sind, sollten Sie nach Personen Ausschau halten, die einerseits Gewissenhaft und offen für Neues sind (Ratio), andererseits aber ein hohes Maß an Extraversion aufweisen (Intuition).

Literaturnachweis: Wang, Y., Highhouse, S., Lake, C. J., Petersen, N. L., & Rada, T. B. (2017). Meta-analytic investigations of the relation between intuition and analysis. Journal of Behavioral Decision Making, 30(1), 15–25.

Zitieren als: Kump, B. (2017). Intuition und rationales Denken: Widersprechen oder ergänzen sie sich? wissens.blitz (187). https://www.wissensdialoge.de/Intuition-Ratio-Meta-Analyse

Barbara Kump

Barbara Kump ist Professorin für Organisationsentwicklung an der Fachhochschule Wien, Assistant Professor am Institut für KMU-Management an der WU Wien, Expertin für Veränderungsprozesse, sowie ausgebildete Supervisorin und Business-Coach. Als promovierte Organisations- und Kognitionspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie vor allem über die Themen organisationales Lernen, Organisationsentwicklung, sowie Wissensprozesse in Zusammenhang mit Veränderung.

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