Kreativität und der Nutzen von Kreativitätskursen

Gestern hat der MOOC „Creativity, Innovation, and Change“ auf Coursera begonnen (mehr zu MOOCs). Geleitet wird der Kurs von drei Dozenten/innen von der Pennsylvania State University, jeweils mit einem Hintergrund in Ingenieurswissenschaft, aber mit unterschiedlichem Fokus. Das schlägt sich in den jeweils adressierten Aspekten von Kreativität und den gestellten Aufgaben für die Kursteilnehmer/innen nieder: Im Fokus stehen entsprechend …

  1. sich zu erlauben, intelligente Fehler zu machen („Intelligent Fast Failure“ zur Entwicklung von Prototypen, die erste Aufgabe ist einen Papierturm zu bauen),
  2. „Creative Diversity“ um zu verstehen, auf welche Weise man kreativ ist (die erste Aufgabe ist ein Fragebogen zu beantworten und sich mit dem Ergebnis auseinander zu setzen, das zwischen „eher adaptiv“ und „eher innovativ“ schwankt), und
  3. „CENTER“ als Reflexion was man erreichen will (CENTER steht für „Character, Entrepreneurship, owNership [sic], Tenacity, Excellence, Relationships“, die erste Aufgabe ist zu bestimmen, wer man ist).

Ich bin generell sehr skeptisch wenn es um Kreativität und Kursen zu Kreativität geht. Insbesondere wenn die Beteiligten aus Bereichen außerhalb der Psychologie kommen. Eine Stärke der Psychologie ist, dass wir uns mit menschlichem Verhalten wissenschaftlich auseinandersetzen. Psychologie ist eine empirische Wissenschaft von der Beobachtung, Beschreibung, Erklärung, Vorhersage und Kontrolle des Erlebens und Verhaltens. Wir haben gelernt, auf Prozesse und Produkte des menschlichen Verhaltens zu schauen und diese zu beeinflussen. Und mit der Perspektive stolpere ich über eine Reihe von Punkten in dem Kurs. Zum Beispiel: Sind die diagnostischen Verfahren validiert? Falls ja, wie und wie gut? Sind die Reflexionsaufgaben fundiert? Und vor allem Aussagen wie „jeder ist auf seine Weise kreativ“ finde ich problematisch. Sie wirken auf mich wie „jeder ist ein Gewinner“. Das mag eine „nette“ Einstellung sein, aber letztendlich unterscheiden sich Personen in ihrer Passung für Tätigkeiten und Aufgaben. Und nur weil man behauptet, dass „jeder gewonnen“ hat, täuscht das nicht über die Tatsache hinweg, das oft ein Team mit dem anderen den Boden gewischt hat. In sportlichen Wettkämpfen ebenso wie in Wettkämpfen um Ideen, Produkte, Märkte. Mit entsprechenden Konsequenzen.

Ein Grund für meine Skepsis ist die unterschiedliche Sichtweise die ich auf Kreativität habe. Aus meiner Sicht gehört zu Kreativität viel mehr als „nur“ zu wissen, was man erreichen will und nette Ideen zu haben. Das ist nur der erste Schritt. Kreativität ist harte Arbeit, die Wissen, Fertigkeiten und Persistenz voraussetzt. Man kann zwar brainstorming betreiben, aber das setzt voraus, dass es in der Festung auch etwas zu plündern gibt. Anders ausgedrückt — wenn man das Gehirn als Kanone sieht, den Intellekt als Kaliber und die Kreativität als Schießpulver, dann bringt das alles nicht viel ohne Flechets (Wissen) und die Fertigkeit, das Ziel auch zu treffen.

Ich habe den Eindruck, dass es bei vielen Personen, die zwar auf ziemlich gute Ideen kommen, vor allem an der Infrastruktur hapert, diese Ideen auch umzusetzen. Kleinere Projekte gehen auch ohne viel Organisation und eine Aufgabe wie das 9-Punkte-Problem kann man in drei Sekunden lösen. Aber wenn es um größere Projekte geht — privat zum Beispiel ein Buch zu schreiben oder beruflich ein neues Produkt zu entwickeln — das braucht mehr. Mehr als nur eine Idee, mehr als nur kurzfristiges Engagement, mehr als nur einen Fokus auf die Generierung von Ideen.

Ein Grund, warum ich denke, dass es mehr bringt, den Fokus auf die Organisation von Kreativität zu legen — Methoden die einem erlauben, sich Wissen und Fertigkeiten anzueignen, Ideen zu generieren, festzuhalten und zu sammeln. Das macht die Ideen verfügbar und erweiterbar (mehr Informationen auf diesem Poster, oder als frei verfügbares (englischsprachiges) Buch auf dieser Seite).

Es sind vor allem diese Unterschiede in der Betrachtungsweise, die den Coursera Kurs (zumindest für mich) interessant machen. Die Dozenten/innen kommen aus einer völlig anderen Richtung. Falls im ingenieurswissenschaftlichen Bereich die Prozesse so vorgegeben sind, dass die notwendige Organisation „einfach vorhanden ist“ und damit praktisch unsichtbar wird, ist es kein Wunder, dass der Fokus auf anderen Aspekten liegt. Und das weist mich wieder darauf hin, dass es genug Aspekte gibt, für die ich „blind“ bin, die ich aufgrund meines Hintergrundes in meiner Disziplin nicht sehe.

In dieser Hinsicht bin ich gespannt, wie sich der Kurs weiter entwickelt.

Bildnachweis: Daniel Wessel, 2011 (Hintergrund)

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