Andere besser verstehen? Die Rolle von Macht und Status

Die Zusammenarbeit mit anderen ist oft gerade dann schwer, wenn wir ihren Standpunkt nicht richtig verstehen und Missverständnisse auftreten. Je besser wir in der Lage sind, die Perspektive unseres Gegenübers zu verstehen, desto einfacher fällt es uns in der Regel, Missverständnisse zu vermeiden und zusammen zu arbeiten. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen: Wie gut diese Perspektivenübernahme – d.h. das Hineinversetzen in andere – gelingt, kann von der eigenen „Position“ abhängen. Während hohe Macht diese erschweren kann, können Personen mit hohem Status die Perspektive anderer womöglich leichter einnehmen.

Macht versus Status

Was genau beschreiben Macht und Status? Eine einflussreiche Position, z.B. in einer Organisation oder einem Unternehmen, kann hohe Macht, also Kontrolle über wichtige Ressourcen (z.B. Informationen oder die Entlohnung anderer) beinhalten. Eine solche Position kann auch hohen Status beinhalten, also Respekt, Prestige und Anerkennung, die dieser Person von anderen zugesprochen werden. Die bisherige Forschung zeigt: Personen mit hoher (im Vergleich zu geringer) Macht sind oft weniger aufmerksam anderen gegenüber – was es ihnen erschweren kann, die Perspektive anderer zu verstehen. Ist das bei hohem Status ähnlich?

 

Ihr Einfluss auf die Perspektivenübernahme

In einer Reihe von fünf Studien haben die Forscher Steven L. Blader, Aiwa Shirako und Ya-Ru Chen  (2016) diese Frage untersucht. Sie nahmen an: Hohe Macht ist in der Regel an relativ stabile Positionen (z.B. eine Führungsposition, eine Teamleiterrolle) geknüpft; sie bietet damit eine relativ hohe Unabhängigkeit von anderen. Mächtige achten deshalb womöglich weniger auf andere – sprich, sie können die Perspektive von anderen, wie ihren Mitarbeitenden, vielleicht weniger gut übernehmen. Hoher Status hingegen – also ein hohes Maß an Anerkennung von anderen – ist von anderen „gegeben“ und somit vergleichsweise weniger stabil. Personen mit hohem Status sollten deshalb ihre Aufmerksamkeit stärker auf andere richten und sich besser in andere hineinversetzen. Kurz gesagt: Hoher Status hingegen sollte Perspektivenübernahme erleichtern (im Vergleich zu hoher Macht und zu geringem Status).

Ihre Studien bestätigten diese Annahmen. Die Teilnehmenden erhielten dabei z.B. eine Position mit hoher Macht (als Käufer einer Firma, der „hohe Kontrolle über die Ressourcen seines Unternehmens innehat“) oder eine Position mit hohem Status (als Käufer einer Firma, der „hohe Anerkennung und hohen Respekt genießt“). Anschließend verhandelten sie mit einem Verkäufer über den Firmenkauf. Dieser Verkäufer gab danach an, wie sehr er sich vom Käufer verstanden fühlte (z.B. wie sehr der Käufer versucht hatte, seinen Standpunkt zu verstehen). Es zeigte sich: Die Teilnehmenden, die hohen Status erhielten, versetzten sich stärker in ihr Gegenüber hinein als die Teilnehmenden, die hohe Macht erhielten. Ähnliches zeigte sich, wenn Teilnehmende z.B. Emotionen auf Gesichtern richtig identifizieren sollten oder mit anderen kommunizierten, die weniger als sie selbst wussten.

Ein erstes Fazit

Wie eine einflussreiche Position die Aufmerksamkeit und das Verständnis von anderen beeinflusst, scheint nicht so einfach zu beantworten zu sein – dabei spielen sowohl die damit verbundene Macht, als auch der Status eine (womöglich einander entgegengesetzte) Rolle. Eine optimale Voraussetzung, um auch in Hierarchien und einflussreichen Positionen die Perspektivenübernahme untereinander zu erleichtern und Missverständnisse zu vermeiden, könnte also womöglich sein, solche Positionen mit hoher Macht und hohem Status zu verbinden – hierzu braucht es allerdings zusätzlich noch weitere Forschung.

 

Hier geht es zum Artikel:

Blader, S. L., Shirako, A., & Chen, Y. (2016). Looking Out From the Top: Differential Effects of Status and Power on Perspective Taking. Personality and Social Psychology Bulletin, 1-15. doi: 10.1177/0146167216636628

 

Bildnachweis: https://pixabay.com/de/fokus-teleobjektiv-linse-lupen-407244/

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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