Macht uns das Internet dick und dumm?

Die Kollegen Markus Appel und Constanze Schreiner haben in einem Übersichtsartikel in der Psychologischen Rundschau einige populäre Annahmen zur Auswirkung der Internetnutzung auf Basis von wissenschaftlichen Befunden überprüft. Den ersten Teil des Papers habe ich schon in einem Blogbeitrag zusammengefasst. Hier jetzt der zweite Teil.

Die Aussagen zu den einzelnen Annahmen basieren jeweils auf sogenannten Meta-Analysen. Diese fassen mehrere empirische Einzelstudien zu einem Thema zusammen und versuchen so einen fundierten Überblick zu geben. Die Details zu den Studien und der Argumentation der Autoren finden Sie im Originalartikel (.pdf des Artikels zum Download). Als Ergebnis lässt sich auf Basis einer solchen Meta-Analyse jeweils der aktuelle Stand der Forschung zu einem Themengebiet in der Zusammenschau bewerten.

Computer-unterstützter Unterricht hat negative Effekte.
Viele Eltern und manche Pädagogen befürchten, dass der Einsatz von Computern im Unterricht den Lernerfolg gefährdet. Hier lohnt sich ein Blick in die empirischen Ergebnisse. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2010 fasst 45 experimentelle Studien zusammen, die jeweils Blended Learning (also die Kombination von face-to-face-Lernen mit Online-Lernen) verglichen haben. Die Ergebnisse zeigen im Schnitt höhere Lernerfolge für Blended Learning im Vergleich zu reinem face-to-face Lernen. Bei reinem Online-Lernen zeigt sich kein Unterschied zum reinen face-to-face-Lernen. Besonders wirkungsvoll ist Online-Lernen dabei, wenn es in der Gruppe erfolgt und aktiv von einem Lehrenden angeleitet wird. Diese Ergebnisse basieren überwiegend auf Stichproben mit Erwachsenen, Vergleichs-Studien zum Einsatz digitaler Medien in der Schule sind noch relativ selten.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Textproduktion mit Hilfe des Computers im Vergleich zum Schreiben mit der Hand. In einer Meta-Analyse wurde jeweils die Qualität und die Menge des Textes analysierst. Es zeigt sich über 26 Studien hinweg ein positiver Effekt für die mit Hilfe des Computers geschriebenen Texte.

Computerbasierte Lernspiele sind wirkungslos.
Computerspiele machen Spaß, beteiligen den Lernenden aktiv und geben unterstützendes Feedback. Eine Metaanalyse, in der jeweils Lernen mit Computerspielen und klassisches Lernen verglichen wurde, zeigt einen wichtigen Aspekt auf: Wenn die Spielenden die Möglichkeit haben, selbst durch ein Spiel zu navigieren, führt das zu einem höheren Wissenszuwachs verglichen mit traditionellem Lernen. Ein weiterer Faktor ist die Involviertheit, die die Spielenden erleben: Die Möglichkeit, Spielverlauf zu beeinflussen und direkte Rückmeldung zu erhalten steigert ebenfalls den Lernerfolg. Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, das computerbasierte Lernspiele bei entsprechender Gestaltung effektiv zum Lernerfolg beitragen.

Computerspiele machen aggressiv.
Zahlreiche Theorien gehen davon aus, dass Computerspielen mit gewalthaltigen Inhalten aggressives Erleben, Denken und Verhalten fördern. Zu dieser Frage gibt es mittlerweile eine große Zahl von Untersuchungen, und mehrere Meta-Analysen Neuere Studien zeigen insgesamt ein positiver Zusammenhang zwischen gewalthaltigen Computerspielen und aggressivem Erleben, Denken und Verhalten. Allerdings sind die berichteten Effekte in allen Studien jeweils klein, außerdem gibt es auch Meta-Analysen mit widersprüchlichen Ergebnissen. Ein weitere Punkt: Es gibt eine Reihe von Rahmenbedingungen, die ebenfalls zum aggressiven Erleben, Denken und Verhalten führen und möglicherweise einen wesentlich größeren Einfluss haben, z.B. die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Familie oder der Freundeskreis oder die Verfügbarkeit von Waffen.

Fazit
Ein Teil der Annahmen oder Befürchtungen zur Auswirkung der Internetnutzung lässt sich auf Basis von empirischen Ergebnissen widerlegen. Interessant dabei: In vielen Fällen gibt es weitere Variablen, die einen Einfluss haben (z.B. die konkrete Gestaltung eines Computerspiels oder die didaktische Konzeption des Unterrichts). Das zeigt, dass es sich lohnt, genauer hinzusehen.

Details zu den Studien und der Argumentation der Autoren finden Sie im Originalartikel.

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