Die Bedeutung der Wortwahl: „Man“ sollte oder „ich“ möchte gerne

Von „man könnte einfach am Feierabend das Arbeitshandy ausschalten“ bis hin zu „man kann auch aus schwierigen Meetings etwas lernen“ – das kleine Wörtchen „man“ (statt „ich“) fällt immer wieder in Gesprächen, beim Reflektieren von Erfahrungen oder Formulieren neuer Vorsätze. Doch wann und wozu verwendet „man“ dieses Wort besonders? Forschung zeigt: Wir assoziieren dieses Wörtchen mit Normen, was getan werden sollte – und es kann helfen, negativen Erfahrungen eine Bedeutung zuzuschreiben.

„Ich“ statt „du“

Viele Kommunikations- und Gesprächsführungstechniken schulen eher darin, von „ich“ zu sprechen, anstatt „man“ oder „du“ zu verwenden. Auch einige Studien legen nahe, dass die Verwendung von „ich“ (statt „du“) Gespräche positiv beeinflussen kann. Zum Beispiel könnte das „ich“ dem Gesprächspartner signalisieren, dass ich gerade bereit bin, ihr oder ihm eine ganz persönliche Information mitzuteilen. Zudem kann die Kommunikation über „ich“ statt „du“ in Konflikten mit höherer Zufriedenheit und einem als besser erlebten Austausch einhergehen (z.B. in Partnerschaften). Was aber passiert, wenn wir statt „ich“ das allgemeinere „man“ verwenden?

Mögliche Funktionen von „man“ statt „ich“

Die Forscher Ariana Orvell, Ethan Kross und Susan A. Gelman haben dies untersucht. Sie gingen davon aus, dass das Wort „man“ (engl. das allgemeine „you“) eine psychologische Funktion haben könnte — nämlich die, Normen auszudrücken oder einer Erfahrung eine abstraktere Bedeutung zu geben.

Die Idee ist: Das Wort „man“ (statt „ich“) stellt eine Distanz zwischen sich selbst und einem Erlebnis her; es bietet so eine Möglichkeit, allgemeinere Einsichten zu gewinnen, die über einen selbst („ich“) hinausgehen.

In ihren Studien forderten sie z.B. Teilnehmende auf, über bestimmte Themen zu schreiben. Anschließend zählten sie, wie häufig dabei die Worte „man“ bzw. „ich“ gewählt wurden. Hier sollte beispielsweise ein Teil der Teilnehmenden darüber schreiben, was in bestimmten Situationen (z.B. an einem verregneten Tag) getan werden kann – und zwar entweder konkret dazu, „was sie hier tun sollten und was nicht“ (also mit einem Fokus auf Normen) oder dazu, „was sie tun möchten und was nicht“ (mit einem Fokus auf ihre Vorlieben). In wieder anderen Studien berichteten die Teilnehmenden über eine persönliche negative Erfahrung. Die Ergebnisse zeigten:

„Man“ drückt Normen aus, wie etwas sein sollte

Das Wort „man“ scheinen wir oft dazu zu verwenden, um Normen über allgemeine, alltagsnahe Verhaltensweisen auszudrücken. Solche Normen beschreiben, wie wir denken, dass Dinge sein oder ablaufen sollten: Wenn die Teilnehmenden z.B. aufgefordert wurden, darüber zu schreiben, was sie tun sollten oder typischerweise tun (statt was sie gerne tun würden), so schrieben sie im ersteren Fall vergleichsweise öfter in Form von „man“ (statt in Form von „ich“). Bei der Arbeit begegnen uns solche Aussagen womöglich in Form von „So bedient man das Intranet“, „Dieses Gericht sollte man in der Kantine vermeiden“ oder „Man sollte den Arbeitsplatz bitte ordentlich hinterlassen“.

„Man“ schafft Distanz und verleiht Negativem eine Bedeutung

Zudem legen ihre Ergebnisse nahe: Das Wort „man“ kann helfen, negative Erfahrungen sozusagen zu normalisieren – d.h. ihnen eine allgemeinere Bedeutung zuzuschreiben, was oftmals wichtig für den Umgang mit negativen Erfahrungen ist. Wenn die Teilnehmenden beispielsweise instruiert waren, auf die Lektionen zu fokussieren, die sie aus einer negativen Erfahrung gelernt hatten (also dem Erlebten eine Bedeutung zuzuschreiben), statt auf ihre Emotionen, die sie in dieser Situation erfahren hatten oder über ein neutrales Ereignis zu berichten, dann verwendeten sie häufiger das Wort „man“; dies wiederum gab ihnen ein Gefühl von mehr Distanz zum Erlebten.

Das zeigte sich in den Studien exemplarisch in Aussagen wie „Man sieht die Dinge manchmal aus einer anderen Perspektive, wenn man einen Schritt zurücktritt und tief durchatmet“ oder „Wenn man verärgert ist, sagt man manchmal Dinge, die man später bereut“. Die Verwendung von „man“ statt „ich“ scheint es also möglich zu machen, ganz persönlichen (negativen) Erlebnissen eine Bedeutung zu verleihen – interessanterweise dadurch, dass sie einem selbst Abstand ermöglicht.

Nach diesen Ergebnissen scheint das kleine Wort „man“ vielleicht nicht (immer) ganz so negativ, sondern könnte durchaus auch seinen Zweck erfüllen, wenn es darum geht, Erwartungen auszudrücken oder unangenehme Erfahrungen bei der Arbeit „nüchterner“ zu betrachten. Offen bleibt für mich jedoch z.B. die Frage, wie diese Form der Kommunikation im Gespräch mit anderen wirkt – schafft dies z.B. auch Distanz zum Gesprächspartner? Je nach Kontext könnte dies manchmal gut und manchmal weniger zielführend sein.

 

Zum Weiterlesen:

Orvell, A., Kross, E., & Gelman, S. A. (2017). How „You“ Makes Meaning. Science, 355, 1299-1302. https://doi.org/10.1126/science.aaj2014 

Simmons, R. A., Gordon, P. C., & Chambless, D. L. (2005). Pronouns in Marital Interaction: What Do “You” and “I” Say About Marital Health? Psychological Science, 16, 932-936. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2005.01639.x

 

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

%d Bloggern gefällt das: