95 Ideen, was ich mit einem geschenkten Tag anfangen könnte.

Heute ist Reformationstag. Wie jedes Jahr am 31. Oktober. An diesem Tag soll Martin Luther 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben. Das war 1517 – also vor 500 Jahren. Deshalb ist der Reformationstag dieses Jahr ein gesetzlicher Feiertag.

  • Ich könnte das zum Anlass nehmen, um über die Bedeutung kirchlicher Feiertage in einem säkularen Staat zu diskutieren. Der Anteil der in Deutschland lebenden evangelischen Christen liegt bei etwa 22 Mio, also 26,5%. Oder über die Frage, ob das von kirchlicher (und staatlicher) Seite in das Jubiläumsjahr investierte Geld gut angelegt ist. Diese Fragen und viele weitere wurden in den Leitartikeln und Feuilletons aller Tageszeitungen in den letzten Tagen ausführlich kommentiert.
  • Ich könnte auch darüber diskutieren, wie sich in den letzten 500 Jahren die Wissenschaftskommunikation verändert hat. Denn vermutlich war das Anbringen der 95 Thesen an der Kirchentüre durchaus üblich, um eine Diskussion mit interessierten FachkollegInnen anzuregen. Diese Idee könnte darin münden, 95 Thesen zu formulieren, wie sich Wissenschaft verändern müsste, damit sie in der Gesellschaft wieder wahr- und ernstgenommen wird.
  • Ich könnte Ihnen sagen, dass Sie – zumindest in den Bundesländern, in denen am Mittwoch auch noch ein Feiertag ist (Allerheiligen) –, mit nur einem Urlaubstag einen 5-tägigen Kurzurlaub realisieren können.
  • Ich könnte auch ein Quiz mit 95 (?) Fragen zum Leben Martin Luthers posten, wie das Magazin der Süddeutsche Zeitung. Oder eine Klick-Strecke mit den 20 spannendsten Situationen aus dem Leben Martin Luthers – wie das sicher entweder bento.de oder die HuffPost noch tun wird. Oder diesen Blog-Beitrag schreiben, der bis jetzt noch nicht wirklich auf den Punkt gekommen ist.

Was fange ich an mit einem geschenkten Tag?

Ich habe eine andere Idee. Eine kleine „Selbst-Coaching-Übung“ in vier Schritten. Dazu brauchen Sie etwa 30 Minuten Zeit und großes Blatt Papier und etwas zum Schreiben. Oder Sie machen ein Text-Dokument auf, und fangen an zu tippen.

  1. Ideen sammeln: Denken Sie über die folgende Frage nach: Was fange ich an mit einem geschenkten Tag? Überlegen Sie nicht lange, sondern schreiben Sie alles auf, was Ihnen durch den Kopf geht. Vielleicht fallen Ihnen offene Aufgaben ein, die schon lange darauf warten, erledigt zu werden? Vielleicht etwas, das im normalen Arbeitsalltag immer unter die Räder kommt? Ein Projekt, eine Idee oder eine Herausforderung, die Sie gerne angehen möchten. Oder etwas, dass Ihnen wirklich wichtig ist, das bis jetzt aber immer unter die Räder kam. Oder etwas, das Ihnen Spaß macht, aber nicht richtig sinnvoll oder zielführend ist. Bleiben Sie nicht bei beruflichen Themen stehen. Denken Sie auch an Privates, an Hobbys, an Freunde, an die Familie, an Ihre Gesundheit. Fallen Ihnen 95 Antworten auf diese Frage ein?
  2. Unwichtiges loslassen: Dann gehen Sie Ihre Liste durch. Welche der notierten Punkte möchten Sie gerne auf Ihre „not-todo-Liste“ übernehmen? Damit sind Aufgaben, Ideen, Projekte, gemeint, bei denen Sie sich bewusst entscheiden, diese nicht weiter zu verfolgen, z.B. weil Aufwand und Nutzen, nicht im richtigen Verhältnis zu einander stehen, oder weil es zielführender ist, diesen Punkt an eine andere Person abzugeben, oder weil der Punkt gar nicht von Ihnen selbst stammt, sondern eine andere Person der Meinung ist „Sie sollten mal … „. Streichen Sie diese Punkte durch.
  3. Realistisch bleiben: Gehen Sie Ihre Liste dann erneut durch. Welche der notierten Punkte können Sie an einem ganzen Tag erledigen. Oder zumindest so weit bringen, dass Sie am Ende des Tages zufrieden mit sich selbst sind. Punkte, bei denen das nicht klappt klammern Sie ein. Oder Sie überlegen, wie Sie den notierten Punkt so in Unterpunkte teilen können, dass Sie an einem Tag einen messbaren Fortschritt erzielen können.
  4. Resonanz wahrnehmen. Gehen Sie Ihre Liste ein drittes Mal durch. Welche der notierten Punkte motivieren Sie. Wo „spüren“ Sie Lust, direkt loszulegen. Was passt jetzt gerade. Bleiben Sie dabei ruhig subjektiv. Es geht nicht darum zu entscheiden, welche der Punkte strategisch sinnvoll ist oder gewinnbringend scheint. Sie haben mit dem 2. und 3. Schritt schon sichergestellt, dass sich auf Ihrer Liste keine Punkte mehr befinden, die Sie lieber nicht angehen sollten. In diesem Schritt geht es um Ihre Motivation. Überlegen Sie also: Was kann ich gut und was passt jetzt gerade.
  5. Loslegen: Jetzt sollten nur noch wenige Punkte auf Ihrer Liste stehen. Suchen Sie sich einen aus, den Sie sich für den heutigen Tag vornehmen und legen Sie los.

Die Idee hinter dieser Coaching-Übung.

Diese Coaching-Übung kombiniert vier Ideen, die sich motivations-und handlungspsychologisch begründen lassen

  • Wir sind dann gut und schnell, wenn wir intrinsisch motiviert sind. Intrinsische Motivation entsteht u.a. dann, wenn wir uns kompetent fühlen im Bezug auf die Aufgabe, um die es geht und wir das Gefühl haben, selbstbestimmt zu handeln. Deshalb ist die Frage nach der Resonanz zentral, um die eigene Motivation aufrecht zu halten.
  • Beim Treffen einer Entscheidung (Welche Aufgabe gehe ich heute an?), werden Denkmuster aktiviert, die eine unvoreingenommene Bewertung der Alternativen behindern können. Deshalb wird das Sammeln von Ideen und deren Bewertung klar voneinander getrennt.
  • Unerledigte Aufgaben kosten uns Energie. Ständig darüber nachzudenken, was noch alles getan werden müsste, kann deshalb verhindern, dass wir fokussiert und konzentriert bleiben. Sich bewusst zu entscheiden, etwas nicht zu erledigen, ist hilfreich.
  • Das Gefühl, das eigene Verhalten kontrollieren zu können, steigt bei psychologisch nahen Zielen. Deshalb stellen wir sicher, dass sich in überschaubare Zeit ein messbares Ergebnis ergibt oder wir die Aufgabe in kleinere Teil zerlegen.

Johannes Moskaliuk

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist Diplompsychologe sowie ausgebildeter Betriebswirt. Er arbeitet als Professor für Psychology and Management an der International School of Management in Stuttgart. Außerdem ist er assoziierter Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen.

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