Fünf Symptome, an denen Sie das Merger Syndrom erkennen

Wenn der Feind in der Ecke lauert und das Büro zum Schlachtfeld wird – dann greift das Merger Syndrom um sich. Denn Fusionen und Unternehmensübernahmen – Mergers and Aquisitions – sind eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Die psychologischen Auswirkungen für Mitarbeitende und Führungskräfte können enorm sein. Spätestens wenn sich das sogenannte Post-Merger-Syndrom auf die Produktivität und Leistungsbereitschaft einzelner Personen, Teams oder der Organisation als Ganzes auswirkt, müssen Sie handeln. Im folgenden Beitrag stellen zwei Studierende der EBC Hochschule in Düsseldorf vor, woran Sie erkennen, dass in Ihrem Team oder Ihrer Organisation das Post-Merger-Syndrom um sich greift.

1: Der Weg zum Büro wird zum Einlauf in den Boxring

Es ist Anfang der Woche und der Tag ist schon gelaufen, bevor er überhaupt angefangen hat: Ihr Parkplatz ist besetzt – und das ausgerechnet von dem Typ der Konkurrenz, der sich in Ihrem Büro sowieso als Wichtigtuer ausgeben und breitmachen muss. Als ob der etwas Besseres wäre als Sie! Schlechtgelaunt parken Sie in der letzten freien Lücke. Seit Wochen reißen die Anderen alles an sich, doch Sie und der Rest der alten Belegschaft denken nicht daran aufzugeben. Wenn die glauben, Sie würden kampflos das Feld räumen, haben Sie sich geschnitten – nur über Ihre Leiche. Und so wird die allmorgendliche Fahrt mit dem Aufzug Ihr persönlicher Aufstieg in die Arena. Die Spiele mögen beginnen.

Gruppenbildung ist nach einer Unternehmenszusammenführung beziehungsweise einer Unternehmensübernahme ein typischer Beleg für das Post-Merger-Syndrom. Das Eindringen einer neuen Organisation in die bestehenden Strukturen und Gewohnheiten wird einer Invasion gleich wahrgenommen und verringert die Veränderungsbereitschaft der Belegschaft bis zu dem Grad, an dem sie quasi nicht mehr existent ist. Anstatt zu versuchen, zusammenzuarbeiten, werden die neuen Kollegen als Gegner der alten Traditionen gesehen. Sie müssen dementsprechend bekämpft und beseitigt werden.

2: Die Plörre von heute ist auch nicht mehr der Kaffee von gestern

Die Kaffeemaschine so groß wie ein Drucker der NY Times, eine Million Tasten und keiner der scheinbar so freundlichen neuen Kollegen ist bereit, Ihnen zu erklären, wie Sie Ihren einfachen, schwarzen Frühstückskaffee in Ihrer „Der frühe Vogel kann mich mal“-Spruchtasse serviert bekommen. Anstatt eines netten Guten Morgens hören Sie nur das leise Getuschel hinter Ihrem Rücken und die Gerüchteküche brodelt wieder. Ob Sie als nächstes in der Schlange der Entlassungen stehen? Die Kaffeemaschine zischt, die Tasse ist voll, doch innerlich fühlen Sie sich so leer wie der Flur vor Ihnen. Resigniert stellen Sie fest: Die Arbeit, die Ihnen so lange Spaß gemacht hat, ist seit dem Eindringen der Anderen nur noch lästige Pflicht. Schlecht gelaunt schütten Sie Ihren Kaffee weg.

Kaffee hin oder her – sämtliche Veränderung um Sie herum werden als negativ wahrgenommen und abgestempelt. In Zeiten der Unsicherheit und Angst sind Sie und Ihre Kollegen umso empfänglicher für Gerüchte und Flurfunk. Die Sinnhaftigkeit Ihrer Arbeit kann verloren gehen, wenn Zukunftsperspektiven durch Führungskräfte nicht ausreichend kommuniziert werden. Der andauernde Zustand von Bedrohungen sorgt dafür, dass Ihre Zufriedenheit drastisch sinkt und eine negative Einstellung gegenüber Ihrem Job entsteht.

3: Geballte Kompetenz ist anders

10:00 Uhr – völlig abgehetzt stürzen Sie in den Konferenzraum, wo sich direkt zehn gierige Augenpaare wie Aasgeier auf Sie richten. Sie stottern eine Entschuldigung und lassen sich nicht sehr galant auf den Stuhl fallen. Sämtliche Erklärungen wären zwecklos, denn Ihr neuer Kollege ist Teil des feindlichen Lagers und seit heute Morgen damit beschäftigt, imaginäre Schatten wie Lucky Luke zu erschießen, während Sie in Arbeit ertrinken. Nur selten treffen sich die verfeindeten Gruppen an einem Tisch, doch selbst jetzt merken Sie den erhöhten Stresspegel, die pulsierende Ader an der Stirn Ihres Gegenübers. Sie realisieren, dass die Friedenspfeife nie gemeinsam geraucht wird. Fast schon entspannt lehnen Sie sich in Ihrem Stuhl zurück, denn Sie wissen: Mehr als die neuen Modetrends aus der Businesswelt werden Sie aus diesem Meeting nicht mitnehmen. Insgeheim hoffen Sie, dass die Fetzen fliegen. Eigentlich sind Sie ja nicht nachtragend, aber die Revanche von heute Morgen steht noch aus.

Das Gefühl von Gerechtigkeit ist essentiell in Ihrer Arbeit, aber gerechte Behandlung ist häufig genau das, was Sie vermissen, wenn es zu einer Fusion oder Akquisition gekommen ist. Die anderen machen weniger, können weniger, handeln weniger – auf Ihre Kosten, denn scheinbar bleibt Arbeit nur an Ihnen hängen. Sich unfair behandelt zu fühlen sorgt auch dafür, dass alte Zustände als umso positiver von Ihnen bewertet werden. Früher – ja, damals war alles besser. Aber die Trotzreaktion Ihrerseits lässt häufig nicht lange auf sich warten: Warum sollten Sie arbeiten, wenn die anderen keinen Finger krümmen. Was die können, können Sie schließlich schon lange.

4: Wenn nichts genau das ist, was Sie zu hören bekommen

Etwas befangen kehren Sie nach erwartungsgemäß nutzlosen zwei Stunden zu Ihrem Arbeitsplatz zurück und lassen sich, ohne ein einziges Wort gewechselt zu haben, vor Ihrem PC nieder. Vorbei sind die sonnigen Zeiten des ungezwungenen Büro-Tratsches – seit einigen Wochen ist das Verhältnis zu Ihrem Team deutlich abgekühlt, denn dem unnachgiebigen Blick Ihres neuen Vorgesetzten entgeht nicht einmal das Husten der Mäuse. Während Ihr Gegenüber immer noch schwer damit beschäftigt ist, in seiner Cowboy-Manie nichts zu tun, ist Ihr Postfach zum Bersten gefüllt, der Speicherplatz Ihrer Mailbox verbraucht und Ihnen raucht bereits der Kopf. Dabei ist Ihre Motivation schon lange im Keller. Rückmeldung zu Ihren Projekten wird Ihnen nicht gegeben und was morgen sein wird, können Sie auch nicht mit Sicherheit sagen. Es redet ja keiner mit Ihnen.

Kommunikation ist der Dreh- und Angelpunkt jeder Veränderung auf sämtlichen Ebenen. Doch obwohl als Lösung so häufig propagiert, ist besagte Kommunikation genauso häufig der eigentliche Grund für Probleme. Wenn Führungskräfte nicht richtig mit ihren Angestellten kommunizieren oder sie informieren, löst dies nicht nur Befangenheit unter Kollegen aus, sondern auch Ärger und Frustration. Im luftleeren Raum zu schweben mögen im Grunde genommen die wenigsten unter uns. Sonst wären wir schließlich alle Astronauten geworden.

5: Rache ist süß – Das Dessert wird im Büro serviert

Das Mittagessen wird zu einer täglichen Zirkusshow. Während Sie vor Kurzem noch dachten, dem Kindergarten seit einigen Jahren entwachsen zu sein, werden Sie hier eines Besseren belehrt. Wie vor dem Auftakt zur nächsten Spielrunde, stecken Sie mit Ihrem alten Team die Köpfe zusammen und schmieden Schlachtpläne gegen die dunkle Seite der Macht. Sie wissen alle, dass der Sieg noch in weiter Ferne liegt, aber Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut. Leidenschaftlich regen Sie sich über die Unfähigkeit der Anderen auf – erledigen Sie doch mit Ihrem Know-How die ganze Arbeit, während die Konkurrenz die Lorbeeren einheimst. Von Ihren Freuden gestärkt und ganz nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung kehren Sie an Ihren Schreibtisch zurück. David wurde bekanntermaßen auch von Goliath unterschätzt und Lucky Luke verpassen Sie jetzt erstmal eine Kugel. Im übertragenen Sinne. Vielleicht.

Wir gegen die – dies ist kein schlechter Schlachtruf, um in den Kampf zu ziehen, sondern ein vielfach auftretendes Phänomen, wenn es um das Post-Merger-Syndrom geht. Auch wenn nicht unbedingt die Fäuste fliegen, so werden doch Verschwörungstheorien, Schlachtpläne und Strategien geschmiedet, um den “Eindringlingen” das Handwerk zu liegen. Eine Organisation kann Schauplatz evolutionärer Behauptungen Nummer Eins werden: Survival of the fittest kennt nur den Gewinner oder Verlierer. Schwarz-Weiß-Denken in seiner reinsten Form.

Am Ende des Tages werden Sie Ihre Boxhandschuhe wieder ordentlich in der Schublade verstauen und akzeptieren, dass dieser Arbeitstag sich nun zu den vielen anderen unnötigen Dingen in Ihrem Leben gesellt. Für heute steht es Unentschieden, aber morgen beginnt der Kampf erneut – angefangen beim Parkplatz. Das Gute gewinnt schließlich immer – die Frage, die bleibt, ist nur: Wann?


Die Autorinnen des Beitrags – Anna Hanel und Natalie Löwe – studieren Business Psychology an der EBC Hochschule in Düsseldorf. In der Lehrveranstaltung zum Thema “Organisationsdiagnostik” beschäftigen sich die Studierenden unter anderem mit psychologischen Aspekten von Change-Prozessen. Die Lehrveranstaltung wird geleitet von Prof. Dr. Johannes Moskaliuk, der sich als Wissenschaftler und Business-Coach mit Lernen und Veränderung beschäftigt und den Einfluss digitaler Technologien auf Kommunikation und Kooperation untersucht. Auf ichraum.de schreibt er über Psychologie, Leadership und Coaching.

Johannes Moskaliuk

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist Diplompsychologe sowie ausgebildeter Betriebswirt. Er arbeitet als Professor für Psychology and Management an der International School of Management in Stuttgart. Außerdem ist er assoziierter Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: