Jährlich grüßt das Murmeltier – Die Zeit der guten Vorsätze

Der Jahreswechsel ist für viele von uns die Zeit, in der wir mal inne halten und darüber reflektieren, was wir geschafft hat – und was (noch) nicht. Wir formulieren dann große Ziele für das kommende Jahr, in dem wir dann endlich wahlweise mehr Sport treiben, weniger arbeiten, mehr Zeit mit der Familie verbringen, den Job wechseln, eine Weiterbildung beginnen, eine tolle Reise machen werden u.v.m. Und jedes Jahr wieder grüßt das Murmeltier: Hatten wir uns das alles nicht auch schon letztes Jahr vorgenommen? Warum nur haben wir es wieder nicht geschafft?!

In meinem wissens.blitz 156 schreibe ich über die Kernannahmen der Construal Level Theory: Sie geht davon aus, dass wir Ereignisse und Dinge entweder abstrakt oder aber konkret wahrnehmen. Der Grad an mentaler Abstraktion hängt dabei von der zeitlichen Distanz ab. Je größer die Distanz, also je weiter das Ereignis in der Zukunft liegt, desto abstrakter die mentale Vorstellung von diesem Ereignis. Ein weit entferntes Ereignis wird deshalb eher unter der Frage beurteilt, ob es wünschenswert ist (das entspricht einer abstrakten Vorstellung, in der vor allem der positive Endzustand im Fokus steht). Wir planen also voller Eifer die große Reise im Juli nächsten Jahres, ohne Fragen der Machbarkeit zu berücksichtigen (Wie nur soll ich vier Wochen Urlaub unterbringen?). Dazu kommt, dass wir grundsätzlich optimistischer und selbstsicherer sind, wenn es um weit entfernte Ziele geht. Sie erscheinen uns dann leicht zu erreichen.

Zwischenfazit: Wenn wir unsere guten Vorsätze einhalten wollen, müssen wir uns ganz bewusst mit Fragen der Machbarkeit auseinandersetzen – die fallen nämlich sonst häufig unter den Tisch!

Um die Machbarkeit abzuschätzen, sollten wir uns nicht nur mit der wünschenswerten Zukunft beschäftigen, sondern den Status Quo ebenfalls berücksichtigen. Wenn ich mir also vornehme, kommendes Jahr mehr Sport zu treiben, muss ich mich fragen, wieviel Sport ich derzeit treibe, was mir daran Spaß macht und was mich daran hindert, jetzt schon mehr Sport zu treiben. Die Forschung zeigt jedoch, dass wir uns entweder auf die Zukunft (das SOLL) konzentrieren oder aber auf die Realität (das IST). Wichtig ist aber das ganz bewusste „mentale Kontrastieren“ – also die gleichzeitige und kontinuierliche Beschäftigung mit der Zukunft und der Realität; nur so lassen sich „fantasies about the future into binding goals“ übersetzen, den dann erkennen wir auch Inkonsistenzen und können uns gezielt Handlungen überlegen, um diese Inkonsistenzen zu überwinden. Die Theorie dazu heißt übrigens passenderweise „Fantasy Realization Theory“ (Oettingen et al., 2001).

Zwischenfazit: Wir müssen unsere positiven Vorstellungen über die Zukunft mit den realistischen Vorstellungen über die Gegenwart kontrastieren, um Inkonsistenzen und Hindernisse zu identifizieren und auszuhebeln. Nur so können wir die Machbarkeit einschätzen und erreichen ein hohes Commitment mit unseren Zielen!

Wenn wir eingeschätzt haben, was wünschenswert ist und was auch machbar erscheint, können wir unseren Vorsatz viel besser formulieren. Hierfür gelten dann die bekannten Regeln der Zielformulierung, bspw. dass das Ziel möglichst konkret sein sollte und kein „Do your best goal“ (Locke und Latham, 1990). Die SMART-Regel kann bei der Formulierung eines Ziels helfen: Ein Ziel sollte spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminierbar sein. Sie können Ihren guten Vorsatz für 2016 ja mal anhand dieser Kriterien testen!

Wenn es dann an die Umsetzung unseres guten Vorsatzes geht, helfen uns sehr konkrete Handlungsanweisungen an uns selbst, die genau formulieren, was wir tun werden, wenn ein bestimmtes Ereignis eintritt. Nehmen wir an, Sie wollen Ihren Süßigkeitenkonsum einschränken. Dann könnte das ihr Ziel sein: „Ich will nächstes Jahr nur noch halb so viel Schokolade essen.“ Um das erreichen zu können, sollten Sie konkrete Selbstinstruktionen formulieren. Also bspw. „Wenn ich Lust auf ein Stück Schokolade habe, rufe ich meine Mutter an.“ (Achtung: Das ist sicherlich wünschenswert, aber je nach Schokoladen-Appetit nicht immer machbar!). Diese sogenannten „Implementation Intentions“ helfen uns, dran zu bleiben und unser Ziel trotz möglicher Hindernisse zu verfolgen.

Zwischenfazit: Wir sollten ein spezifisches Ziel formulieren und gleich durch konkrete Handlungsanweisungen ergänzen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir unser Ziel auch tatsächlich erreichen!

Und weil ich selbst ja zum Thema Lernen durch Reflexion forsche, empfehle ich als letzten wichtigen Schritt, regelmäßig innezuhalten und zu bewerten, ob 1) das Ziel noch wünschenswert und machbar scheint, 2) Sie auf dem richtigen Weg sind und schon die ersten Meilensteine erreicht haben und 3) was Sie noch besser machen können, um Ihr Ziel zu erreichen. Dabei sollten Sie sich auf Aspekte konzentrieren, die Sie selbst beeinflussen können und statt „worst case“-Szenarien durchzuspielen immer den Blick in Richtung der positiven Zukunft richten. Eine gute Leitfrage für die Reflexion könnte sein: „Was kann ich tun, um mein Ziel noch leichter/schneller zu erreichen?“.

Zwischenfazit: Halten Sie regelmäßig inne, um zu bewerten, ob Sie Ihrem Ziel schon näher gekommen sind, und überlegen Sie sich, was Sie besser machen können, um Ihr Ziel bald zu erreichen!

Wenn Sie nachlesen möchten, wie man Ziele erreichen kann, empfehle ich folgende Literatur, die auch Grundlage für diesen Beitrag war:

– Gollwitzer, P. M., & Sheeran, P. (2006). Implementation intentions and goal achievement: A meta-analysis of effects and processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69-119.
– Liberman, N., & Trope, Y. (1998). The role of feasibility and desirability considerations in near and distant future decisions: A test of temporal construal theory. Journal of Personality and Social Psychology, 75, 5-18.
– Oettingen, G., Pak, H. J., & Schnetter, K. (2001). Self-regulation of goal-setting: turning free fantasies about the future into binding goals. Journal of Personality and Social Psychology, 80, 736-753.

Ich wünsche viel Erfolg!

Kristin Knipfer

Dr. Kristin Knipfer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der TU München und befasst sich mit individuellen, kooperativen und organisationalen Lern- und Wissensprozessen. Sie ist als Dozentin für das Executive Education Center der TUM sowie als Trainerin für wissenschaftliche Einrichtungen tätig. Auf wissens.dialoge schreibt sie zu den Themen Führung, Reflexion und Wissensaustausch.

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: