(Nicht) Ohne mein Smartphone

Handys sind aus unserem Alltag eigentlich nicht mehr wegzudenken: Als „ständiger Begleiter“ liegen sie manchmal schon beim Frühstück, später während der Team-Meetings und selbst am Feierabend neben uns auf dem Tisch. So haben wir Informationen, Termine etc. stets griffbereit und sind für dringende Arbeitsbelange erreichbar. Entsprechend seltsam fühlt es sich an, wenn man das Handy einmal versehentlich irgendwo liegengelassen hat. Neben all dieser Vorteile zeigt die Forschung aber nun auch: Ein Handy kann ablenken – selbst dann, wenn es gerade nur auf dem Tisch liegt und gar nicht genutzt wird.

Wir erledigen oftmals viele Dinge parallel – sei es in der Freizeit oder bei der Arbeit. Dieses Multitasking gelingt uns in der Regel gut. Allerdings sind wir durch diese Vielzahl an Tätigkeiten oft weniger auf die eigentliche Aufgabe fokussiert, die wir gerade erledigen. Das kann durch Handys begünstigt werden: Ein Handy kann z.B. dazu verleiten, während eines Gesprächs doch noch einmal kurz die Emails zu checken oder eine kurze Nachricht zu schreiben. Eine Studienreihe der Forschergruppe um Bill Thornton (2015) zeigte nun: Nicht nur die Benutzung eines Handys kann von der eigentlichen Aufgabe ablenken – ein Handy kann bei bestimmten Aufgaben selbst dann unsere Leistung senken, wenn es nur (lautlos und ungenutzt) neben uns auf dem Tisch liegt.

In ihren Experimenten bearbeiteten Studierende einige Aufgaben, die ihre Aufmerksamkeit und Leistung erfassten. Die eine Hälfte der Teilnehmenden hatte dabei ein Handy neben sich auf dem Tisch liegen (die „Handygruppe“). Bei der anderen Hälfte lag anstatt des Handys beispielsweise ein Notizblock auf dem Tisch (die „Notizblockgruppe“). Es zeigte sich: Die „Handygruppe“ löste zwar insgesamt gleich viele Aufgaben wie die „Notizblockgruppe“, aber sie löste diese Aufgaben etwas schlechterMit anderen Worten: Nicht die Aufgabenmenge (Quantität), aber die Qualität schien unter der Anwesenheit eines Handys zu leiden.

Die gute Nachricht ist allerdings: Diese Leistungsunterschiede zeigten sich nur bei komplexen Aufgaben, nicht bei leichteren Routineaufgaben. Diese Ablenkung durch ein Handy scheint also nur bei den Aufgaben beeinträchtigend zu sein, die unsere vollste Konzentration erfordern.

Warum ist das so? Möglicherweise wirkt die „Anwesenheit“ eines Handys ähnlich wie die (reale) Anwesenheit anderer Personen: Eine komplexe Aufgabe lösen wir oft schlechter, wenn andere dabei zuschauen, als wenn wir alleine sind. Denn Zuschauer wirken ablenkend; wir sind dann im Konflikt, ob wir uns nun der Aufgabe oder den Zuschauern widmen sollen. Das schadet  bei komplexen Aufgaben der Leistung. Ähnliches könnte durch das Handy passieren, das uns indirekt zu verstehen gibt, dass andere Personen sozusagen „in Reichweite“ sind. Diese Möglichkeit gilt es weiter zu erforschen, ebenso wie zum Beispiel die Frage, ob andere Technologien (z.B. ein Laptop)  eine ähnliche Wirkung haben können.

Was bedeuten die Ergebnisse nun für den Alltagsgebrauch von Handys, Smartphones und Co? Lassen wir das Handy künftig lieber in der Manteltasche, statt es auf den Schreibtisch neben uns zu legen? Das könnte eine Schlussfolgerung sein, zumindest soweit es die eigene Arbeit tatsächlich erlaubt, einmal nicht direkt erreichbar zu sein. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass dies bei schwierigen Aufgaben tatsächlich nützlich sein könnte – auch wenn es sich vielleicht ziemlich ungewohnt anfühlen mag.

Zum Artikel:

Thornton, B., Faires, A., Robbins, M., & Rollins, E. (2014). The mere presence of a cell phone may be distracting: Implications for attention and task performance. Social Psychology, 45, 479-488. doi: 10.1027/1864-9335/a000216

Bildnachweis: https://pixabay.com/de/büro-treffen-geschäftspartner-336368/

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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