Nützliches Wissen von KollegInnen nutzen

Kollegen sind eine wichtige Informationsquelle in unserer täglichen Arbeit. Doch wen fragen wir und unter welchen Bedingungen, wenn wir Probleme oder Wissenslücken haben?

Download: wissens.blitz (30)

Bereits in vorangegangenen Beiträgen (wissens.blitz(9) und (23)) wurde deutlich, dass wir Informationen nicht nur in Wissensmanagementsystemen oder im Internet suchen. Auch unsere Kollegen stellen eine wichtige Wissensquelle dar – nach zahlreichen Unter-suchungen sogar die Wichtigste! Aber fragen wir die kompetenteste Kollegin? Oder ist es immer der Büro-nachbar?

Levin und Cross (2004) gingen in ihrer Studie in drei Unternehmen in unterschiedlichen Ländern der Frage nach, von wem MitarbeiterInnen in Unternehmen nützliche Informationen erhalten. Ihre vier Thesen konnten sie dabei bestätigen:

These 1: Mit näherstehenden KollegInnen tauscht man mehr nützliches Wissen aus als mit entfernten KollegInnen.

Mit näherstehenden KollegInnen interagieren wir tagtäglich. Sie stellen sogenannte strong ties dar. Näherstehende KollegInnen kennen wir sehr gut, weil uns zahlreiche Erfahrungen verbinden. Wir haben nicht nur häufiger Kontakt, sondern wissen auch besser, wie wir effektiv miteinander interagieren und Wissens-austauschen. Dadurch ist es wahrscheinlicher, dass wir das erhaltene Wissen als nützlich einschätzen.

These 2: Mit näherstehenden KollegInnen verbindet uns eine vertrauensvollere Beziehung.

In der Regel nehmen wir näherstehende KollegInnen wohlwollender wahr. In unseren alltäglichen Arbeits-aufgaben sind wir häufig aufeinander angewiesen. Das setzt Zusammenhalt und Vertrauen voraus. Dadurch trauen wir uns auch eher, sie um Rat zu fragen und sind eher bereit, ihr Wissen anzunehmen.

Darüber hinaus können wir die Kompetenz näherstehender KollegInnen besser einschätzen: Erstens kennen wir ihre Kompetenzen und Fähigkeiten besser. Zweitens entwickeln sich innerhalb einer Arbeitsgruppe ähnliche Denk- und Kommunikations-weisen, die ein gegenseitiges Verstehen erleichtern. Nicht nur weil wir näherstehende KollegInnen als wohlwollender wahrnehmen, sondern auch, weil wir ihre Kompetenzen besser einschätzen und von diesen mehr profitieren können, fragen wir näherstehende KollegInnen eher um Rat.

These 3: Entfernte KollegInnen verfügen über nützliche Informationen, über die näherstehende KollegInnen nicht verfügen.

Entfernten KollegInnen begegnen wir seltener. Sie stellen sogenannte weak ties dar. Entfernte Kollegen verfügen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit über neuartige Informationen. Sie interagieren regelmäßig mit anderen Kollegen als wir, nehmen an anderen Veranstaltungen teil und setzen sich in ihrer Arbeit mit anderen Themen auseinander. Unabhängig von der eingeschätzten Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit der KollegInnen stellen folglich gerade entfernte Kollegen eine wichtige Wissensquelle dar.

These 4: Vertrauen in die Kompetenz von KollegInnen ist besonders wichtig für den Austausch von implizitem Handlungswissen.

Explizites Wissen, das in offiziellen Dokumenten fest-gehalten ist, verfügt über Vertrauenswürdigkeit, unabhängig davon, welcher Kollege uns darauf hinweist. Häufig benötigen wir jedoch Wissen, dass eher in impliziter Form vorliegt, zum Beispiel darüber, welche Verhandlungsstrategie bei welchem Kunden erfolgreich ist (mehr zu Handlungswissen in wissens.blitz Nr. 3). Dieses wertvolle implizite Wissen ist in seiner Bewertung abhängig von der Bewertung der Kompetenz eines Wissensträgers. Bei einer erfahrenen Kollegin, die bereits jahrelang erfolgreich in einem Bereich agiert, erwartet man wertvolles implizites Wissen. Ein Wissenssuchender muss also ein hohes Vertrauen in die Kompetenz des Wissensträgers haben, wenn er nach implizitem Wissen sucht.

Eine wohlwollende Einstellung des Wissensträgers ist hingegen immer von Bedeutung. Wer würde schon einem Kollegen seine Wissenslücken offenbaren, bei dem man befürchten muss, dass er diese Schwäche bei nächster Gelegenheit ausnutzt?

Fazit: Handlungsempfehlungen für Unternehmen

    • Austausch innerhalb von Abteilungen sowie innerhalb des gesamten Unternehmens ermöglichen und befördern, z.B. durch die Einrichtung einer organisationalen sozialen Netzworkingseite
    • Ein vertrauensvolles Arbeitsklima herstellen, z.B. durch Prämien für die Erreichung organisationaler Ziele
    • Die Einschätzbarkeit der Kompetenz von MitarbeiterInnen unterstützen, z.B. durch Expertensteckbriefe

Literaturnachweis: Levin, D. Z., & Cross, R. (2004). The strength of weak ties you can trust: The mediating role of trust in effective knowledge transfer. Management Science, 50(11), 1477 – 1490.

Zitieren als: Wodzicki, K. (2011). Nützliches Wissen von KollegInnen nutzen. wissens.blitz (30). https://www.wissensdialoge.de/nutzliches-wissen-nutzen

 

Katrin Wodzicki

Momentan leitet sie den Bereich Personalentwicklung an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie studierte Psychologie an der Universität Jena und promovierte an der Universität Zürich. Anschließend forschte sie zu psychologischen und motivationalen Aspekten der computer-vermittelten Kommunikation und Kooperation am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über Social Media, Teaminteraktion und Arbeitsorganisation.

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