Probleme von komplexen Problemlösen am Beispiel von Projektarbeiten

Menschen sind nicht gut darin, mit komplexen Problemen umzugehen. Komplexe Probleme sind u.a. durch die folgenden Eigenschaften gekennzeichnet (zurückgehend auf Dörner, für eine leicht lesbare Darstellung siehe Dörner, 2003/2015):

  1. Komplexität (viele Variablen, die sich gegenseitig beeinflussen und verhindern, dass man in diesem System nur eine Sache machen kann)
  2. Intransparenz (es ist nicht alles direkt sichtbar, was man wissen möchte)
  3. Dynamik (die Situation/das System entwickelt sich weiter, es ist aktiv, was Zeitdruck erzeugt)
  4. unvollständige/falsche Annahmen über das System (das Realitätsmodell der Situation/des Systems kann unvollständig oder falsch sein, Annahmen liegen oft nur implizit, d.h. nicht verbalisiert/verbalisierbar und nicht überprüft vor)

Komplexes Problemlösen wird in Studien oft mit Simulationen, z. B. dem Managen einer fiktionalen Stadt oder eines fiktionalen Dorfes, untersucht. Bei der Arbeit an komplexen Problemen ergeben sich u.a. die folgenden Probleme:

  • Ungenügende Ziele (Ziele nicht auf messbare Kriterien runtergebrochen, Zielkonflikte nicht aufgelöst)
  • Ungenügende Situationsanalyse (Zusammenhänge sind unklar, Annahmen nicht hinterfragt)
  • Nichtberücksichtigung von Fern- und Nebenwirkungen (man macht z. B. A um B zu erreichen, gleichzeitig verändert A aber noch C und D)
  • Ungünstige Eingriffe ins System (z. B. zu selektiv gehandelt)
  • Nichtberücksichtigung der Ablaufgestalt von Prozessen (v.a. Probleme bei exponentiellen Verläufen, zeitverzögerten Verläufen, negativen Rückkoppelungen)
  • «Eunuchenwissen» (können sagen, wie es geht, können es aber nicht umsetzen)
  • Methodismus (Methoden ohne Überprüfung der Situation angewandt)
  • Mangel an Struktur und Reflexion (nicht Konsequenzen der Handlungen reflektiert)
  • Immunisierungen
 (z.B. gute Absichten, Ballistisches Verhalten, Umdefinitionen/Verkapselung, Springen, Delegation, Zynismus, Werteumkehr, etc.)
  • Besondere Probleme in Gruppen (Gruppendenken, Konfliktvermeidung, blindes Folgen des Gruppenleiters)

Ein typisches Beispiel für komplexe Probleme sind Projektarbeiten. Gerade wenn z. B. Studierende das erste Mal Projekte als Gruppe bearbeiten können viele Probleme des komplexem Problemlösen auftreten.

Überspitzt formuliert kann man den Umgang im schlimmsten Fall so zusammenfassen:

Angenommen Sie arbeiten in einem Projekt — mit anderen Kommilitonen oder Kollegen. Der Erfolg des Projekts hängt von vielen Variablen ab, die sich gegenseitig beeinflussen (Komplexität), und von denen Sie nicht alle sehen (Instransparenz) oder falsch einschätzen (unvollständige/falsche Annahmen). Gleichzeitig sind Sie unter Zeitdruck, denn das Projekt ist auf einen bestimmten Zeitraum festgelegt (Dynamik/Zeitdruck).

Sie haben nur eine ungefähre Vorstellung von den Zielen des Projekts (ungenügende Ziele). Sie können zwar benennen, was erreicht werden soll, sie haben aber keine spezifischen Kriterien für die Zielerreichung. Auch haben Sie das Gefühl, dass sich ein Teil der Ziele widersprechen (Mehrfachziele). Entsprechend arbeitet Ihre Gruppe an den Problemen, die aktuell im Vordergrund stehen (Reperaturdienstverhalten). Sie verlassen sich vor allem auf Ihre Vorerfahrung, fragen selten nach und dann eher nach dem «Was?» statt dem «Warum?» (ungenügende Situationsanalyse). Im Zuge dessen war die Verteilung der Ressourcen vielleicht nicht immer ideal und die Entscheidung einige Punkte erst später zu beachten hat zu Schwierigkeiten gestellt (Nichtberücksichtigung von Fern- und Nebenwirkungen).

Die Sachen, die Sie gemacht haben, sollten allerdings stimmen. Schließlich hat Ihnen Ihr Studium Richtlinien mitgegeben, die Sie mit vollem Einsatz angewendet haben (ungünstige Eingriffe ins System). Von einigen Entwicklungen sind Sie überrascht, z. B. hatten Sie am Tag, als Sie zur Planung der Evaluation gekommen sind, erfahren, dass die benötigten Geräte schon für zwei Wochen ausgeliehen sind (Nichtberücksichtigung der Ablaufgestalt von Prozessen). Und obwohl Sie genau wussten, welche Punkte bei einigen Schritten wichtig waren, hatten Sie erhebliche Schwierigkeiten in der Anwendung (Eunuchenwissen) In anderen Bereichen sollte alles geklappt haben, weil Sie sich so verhalten haben wie in anderen Projekten auch (Methodismus).

Allerdings denken Sie auch, das Sie an einigen Stellen strukturierter hätten vorgehen können und besser die Zeit investiert hätten, über das Vorgehen nachzudenken — wenn Sie bloß die Zeit dafür gehabt hätten (Mangel an Struktur und Reflexion).

Insgesamt denken Sie aber trotzdem gute Arbeit geleistet haben (Immunisierungen). Schließlich haben Sie für das Projekt das Beste gewollt (Zurückziehen auf «gute Absichten»). Sie haben viel gemacht, was funktioniert haben sollte (Ballistisches Verhalten), haben flexibel die Aufgaben gewechselt (Springen) und sich an anderen Aufgaben gut im Detail festgebissen (Verkapselung). Andere Aufgaben haben Sie weiter gegeben, da war dann jemand anders für zuständig (Delegation). Wenn es wirklich Probleme mit dem Produkt gibt, dann müssen sich die Nutzer halt nicht so dumm anstellen (Zynismus), was vielleicht gar nicht mal so schlecht ist, dann bleiben die wenigstens geistig fit (Werteumkehr und Zielinversion).

Und mit Ihrer Einschätzung stehen Sie nicht alleine (Besondere Probleme bei Gruppen). Die anderen Gruppenmitglieder sehen das genau so (Groupthink) und mit denen waren Sie sich im Projekt schon von Anfang an einig (Konfliktvermeidung durch Beharrung auf Kompromissen) und haben gut zusammengehalten («Einigkeit» und «Solidarität» über alles). Und wenn doch was nicht ideal ist, dann wäre höchstens noch der Gruppenleiter dafür zuständig (Willige Gefolgsleute machen jemand zum Diktator), aber das können Sie sich echt nicht vorstellen. Nein, eigentlich war Ihr Vorgehen gut, in dem Projekt sind halt bestimmte Umstände aufgetreten, die zu Problemen geführt haben («immunisierender Marginalkonditionalisierung»).

Es ist nur Schade, dass das Ergebnis des Projekts noch nicht lauffähig ist, dafür war die Zeit einfach zu knapp und das Projekt war viel zu komplex. Und ob’s gebrauchstauglich ist, konnten Sie auch nicht überprüfen. Aber für den Mangel an Zeit können Sie ja nichts.

Wie geschrieben, überspitzt, aber nicht realitätsfern.

Glücklicherweise kann man lernen, mit komplexen Problemen umzugehen. Allerdings sollte es auch nicht überraschen, wenn gerade die ersten Projekte hinter den Möglichkeiten zurückbleiben. Neben der ungewohnten Gruppensituation (siehe dieser Dialog) ist es meines Erachtens vor allem das Wissen der Studierenden, was ein Problem ist. Nicht, dass es nicht da ist, sondern dass es noch nicht handlungsleitend organisiert ist. Die Studierenden haben sehr viel Wissen, aber das Wissen ist noch nicht so weit integriert, dass es ihnen auch wirklich hilft. Das kommt (oft) erst mit wiederholter Anwendung und Reflexion.

Und dafür bietet ein typisches Projekt viele … Lerngelegenheiten. 😉

 

Quelle: Dörner, D. (2003/2015). Die Logik des Mißlingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.

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