Mit Macht kommt Verantwortung – und womöglich auch Stress?!

Einmal in einer Macht- oder Führungsposition angelangt, können Menschen ihre Macht unterschiedlich verstehen: Einerseits als Gelegenheit, Dinge so entscheiden zu können, wie sie es möchten – andererseits als Verantwortung, sich um wichtige Entscheidungen kümmern zu müssen. Wenn sich Mächtige ihrer Verantwortung bewusst sind, handeln sie umsichtiger und fairer. Aber: Mit diesem Verantwortungs­bewusstsein geht auch mehr Stress einher.

Ob Sie nun formal eine Führungs- oder Leitungsrolle innehaben (z.B. als TeamleiterIn oder Führungskraft) oder eher hin und wieder solche leitenden Funktionen in einem Team, einer Gruppe oder einer Sportmannschaft übernehmen: Sowohl bei der Arbeit, als auch in der Freizeit erleben Menschen immer wieder Macht  (d.h. Kontrolle über die Ergebnisse anderer Personen). Diese Macht können sie unterschiedlich verstehen,  also verschieden bewerten oder interpretieren:

  • als Gelegenheit (Freiraum und Möglichkeit, dass man selbst Dinge frei tun kann und selbständig wichtige Entscheidungen treffen kann) und/oder
  • als Verantwortung (d.h. Verpflichtung, dass man selbst sich um wichtige Entscheidungen oder die Situation anderer Personen kümmern muss); so hat es z.B. schon Spiderman im berühmten Zitat „Mit großer Macht kommt große Verantwortung“ beschrieben.

Wie wir Macht verstehen, verändert unser Handeln

Macht kann dazu verleiten, sich vor allem um sich selbst zu kümmern  und andere zu vernachlässigen. Das ist besonders der Fall, wenn Menschen ihre Machtposition als Gelegenheit verstehen – nicht, wenn sie ihre Machtposition als Verantwortung verstehen. Verstehen Menschen ihre Macht als Verantwortung (statt als Gelegenheit), dann nehmen sie zum Beispiel wichtige Ratschläge von anderen eher an  – was die Zusammenarbeit fördern und ihre Entscheidungsqualität verbessern kann. Macht als Verantwortung zu verstehen, kann also positive Folgen für andere haben – wie z.B. die Zufriedenheit der Mitarbeitenden. Wie aber steht es mit den Folgen für die mächtige Person selbst?

 Verantwortung als „zu tragende Last“?

Neben diesen bekannten positiven Folgen könnte das Verantwortungsbewusstsein für eine Person selbst aber auch „belastend“ sein – so nahmen meine KollegInnen und ich in einer Reihe von Studien an (Scholl, De Wit, Ellemers, Fetterman, Sassenberg, & Scheepers, 2018). Denn wenn man die eigene Macht als Verantwortung versteht, erkennt man womöglich besonders all die Anforderungen (wie z.B. Erwartungen), die mit dieser Machtrolle einher gehen und die man erfüllen muss – was wiederum zu mehr Stresserleben führt.

 Verantwortung in Verbindung mit hoher Macht fördert Stress

Diese Idee haben wir in fünf Studien untersucht. In einer Studie baten wir studentische Teilnehmende, eine Rede über ein persönliches Erlebnis zu halten. Hier sollten sie von einer Situation berichten, in der sie Macht und Einfluss hatten.

Der eine Teil der Teilnehmenden wurde gebeten, über ihre Freiräume zu sprechen, die sie in dieser konkreten Situation erlebt hatten. Der andere Teil der Teilnehmenden sollte sich auf die erlebten Verantwortlichkeiten in der Situation fokussieren. Während sie ihre Rede vor der Videokamera hielten, maßen wir ihre körperlichen Stressreaktionen. Genauer erfassten wir über gängige physiologische Messverfahren die Leistung des Herzens – als Hinweis auf das Stresslevel, das die Teilnehmenden gerade erlebten.

Die Personen in Machtpositionen, die in ihrer Rede über ihre Verantwortung sprachen, zeigten deutlich mehr Stress als diejenigen, die in ihrer Rede auf ihre Freiräume fokussierten. Und das, obwohl beide Gruppen ein gleiches Ausmaß an Macht und Einfluss erlebten.

Wichtig war: Dies zeigte sich nur für hohe Macht. Ein Fokus auf die eigene Verantwortung erhöhte das Stresslevel also bei den Personen, die hohe Macht hatten – nicht aber bei Personen, die niedrige Macht hatten (und ebenfalls über Freiräume oder Verantwortlichkeiten sprachen). Es scheint also nicht Verantwortung an sich zu sein, die Stress auslöst – sondern Verantwortung in Verbindung mit einer Machtposition. Vier weitere Studien (auch mit Führungskräften) lieferten ähnliche Ergebnisse.

Fazit: Verantwortung – Freund oder Feind?

Macht als Verantwortung zu verstehen, hat offenbar viele Vorteile für die Zusammenarbeit – aber auch mögliche Nachteile für den/die Mächtige(n) selbst. Die Frage, wie Menschen in Machtpositionen mit dem damit womöglich höheren Stress umgehen, bleibt offen.

In der Summe scheint also zum einen wichtig, dass Mächtige die mit ihrer Macht einhergehende Verantwortung erkennen; zum anderen aber auch, sicherzustellen, dass sie von ihrer Organisation Unterstützung bekommen, um mit dieser Verantwortung umgehen zu lernen – sei es zum Beispiel durch unterstützende Trainings zur Übernahme neuer Verantwortlichkeiten, zur Achtsamkeit in Bezug auf eigene Ressourcen oder durch Coaching zum individuellen Umgang mit erlebten Anforderungen.

Zum Artikel: Scholl, A., De Wit, F., Ellemers, N., Fetterman, A. K., Sassenberg, K., & Scheepers, D. (2018). The burden of power: Construing power as responsibility (rather than as opportunity) alters threat-challenge responses. Personality and Social Psychology Bulletin. https://doi.org/10.1177/0146167218757452

 

 

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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