Wie heißen Sie noch gleich? Vergessen werden kann der Zusammenarbeit schaden

Kennen Sie das Gefühl, wenn eine neue Kollegin sich gerade erst vorgestellt hat und Sie nach dem ersten Gespräch prompt wieder ihren Namen vergessen haben? Vergessen kann passieren, denn unser Gedächtnis ist begrenzt. Aber wie fühlt es sich umgekehrt an, vergessen zu werden? Wie fühlt man sich, wenn die Kollegin noch genau weiß, wer man ist, worüber man gesprochen hat, oder was man beim Mittagessen mag und was nicht – statt wenn sie all das vergessen hat?

Erinnern hat eine soziale Funktion

Sich an andere Personen zu erinnern – z.B. ihren Namen, Geburtstag oder worüber man im letzten Teammeeting gesprochen hat – hat eine wichtige Funktion: Es ermöglicht, mit anderen in Kontakt zu treten und persönliche Beziehungen aufzubauen, im Privaten wie im Arbeitskontext. Das erleichtert die Zusammenarbeit. Womöglich passiert es aber auch bei der Arbeit, dass man mal das ein- oder andere Gespräch vergisst.

Warum „Vergessen werden“ unangenehm sein könnte

Überraschenderweise gibt es zum „Vergessen werden“ wenig Forschung. In seinen Studien hat mein ehemaliger Kollege Devin Ray mit seinen Kooperations­partnern (2018) daher untersucht: Wie reagieren Menschen, wenn sich andere an sie erinnern bzw. sie vergessen?

Sie nahmen an: Wenn uns jemand vergisst (statt sich erinnert), dann interpretieren wir das auf eine bestimmte Weise. Man nimmt dann eher an, dass man der Person nicht so wichtig (statt ihr wichtig) ist und diese Person einen nicht besonders schätzt (statt schätzt). Das Gefühl, wichtig zu sein und geschätzt zu werden, kann wiederum die Beziehung zum Gegenüber (wie Nähe oder Einsatzbereitschaft) stärken.

Ist das in allen Fällen gleich? Nein, tatsächlich nicht: Wichtig kann der Grund sein, den wir anderen für ihr Vergessen unterstellen: Vergessen zu werden sollte weniger schlimm sein, wenn man es auf äußere Umstände zurückführt (z.B. die Situation: „Er war abgelenkt“ oder die Persönlichkeit: „Sie ist oft vergesslich“). Außerdem könnte Vergessen werden besonders dann negativ sein, wenn nahestehenden Personen einen vergessen (also Freunde, Partner oder Familienmitglieder), weil man an sie höhere Erwartungen stellt – nicht so schlimm hingegen bei weniger engen Kontakten wie KollegInnen oder Bekannten. Bis auf die letzte Annahme bestätigten ihre die Studien dies. Die aus meiner Sicht wichtigsten Ergebnisse sind:

Eine relativ häufige Erfahrung:

Eine Reihe von Studierenden berichtete über 2 Wochen täglich, wie oft sie vergessen worden waren. Im Durchschnitt berichteten die Teilnehmenden dabei von gut 8x „Vergessen werden“; meist (in 90% der Fälle) schienen sich die beteiligten anderen Personen nicht für ihr Vergessen zu entschuldigen.

Was wurde am ehesten vergessen?

Am häufigsten vergaßen andere Personen persönliche Details über die Teilnehmenden (Name, Studienfach) – und zwar besonders bei weniger engen Kontakten (Bekannte, KommilitonInnen); seltener wurden vergangene Treffen oder Versprechen vergessen – diese wiederum eher von nahestehenden Personen.

Vergessen werden vermindert das Gefühl, wichtig zu sein:

Tatsächlich berichteten die Teilnehmenden an Tagen, an denen sie (oder Details von ihnen) vergessen wurden, eine schlechtere Stimmung und hatten weniger das Gefühl, dem anderen (bzw. anderen Menschen generell) wichtig zu sein und dazu zu gehören – im Vergleich zu Tagen, an denen sie nicht vergessen wurden.

Es kommt darauf an, welchen Grund man unterstellt:

Äußere Umstände für das Vergessen werden verantwortlich zu machen („er hatte keine Zeit“ oder „sie ist vergesslich“) schien wirkungsvoller als den Grund in der Beziehung zum anderen zu suchen („unser Kontakt ist ihr nicht wichtig“): Wenn die Teilnehmenden äußere Umstände dafür verantwortlich machten, dass sie vergessen wurden, dann schien das ihr Gefühl, dem anderen wichtig zu sein, besser zu schützen.

Selbstschutz? Man unterstellt lieber äußere Umstände als Grund:

Insgesamt schienen die Teilnehmenden zögerlich, Gründe in der persönlichen Beziehung zu suchen; sie nahmen generell lieber an, dass äußere Umstände dafür verantwortlich sind. Das taten sie sogar dann, wenn ihnen explizit Gründe der Beziehung genannt wurden (z.B. „Die Person erinnert sich nie an die Gespräche mit dir, wohl aber an die mit anderen Leuten“). Womöglich drückt dies eine Art „Selbstschutz“ aus. Aber: Auch dann, wenn sie äußere Umstände dafür verantwortlich machten (statt die Beziehung), zeigten sich noch negative Folgen von Vergessen werden auf das Gefühl, wichtig zu sein..

Was können wir daraus mitnehmen?

Einerseits kann es tröstlich sein zu wissen: Offenbar passiert es auch anderen Leuten regelmäßig, dass sie Details eines Gesprächs oder sogar Namen vergessen. Auf der anderen Seite zeigen die Ergebnisse klar, dass das beim Gegenüber nicht so gut ankommt: Vergessen werden ist kurzfristig vielleicht nicht so schlimm; wenn es sich wiederholt, könnte das aber auf Dauer der persönlichen Beziehung und Zusammenarbeit schaden.

Für mich bedeutet das zum Beispiel, dass ich mir künftig noch mehr Mühe zu geben werde, mir Namen zu merken. Als kleinen Ausblick stellt sich aber auch die Frage: Könnte Vergessen werden in manchen Fällen vielleicht positiv sein? Wenn der Kollege zum Beispiel netterweise das letzte ineffektive Meeting oder das eine Mal, in dem man sich vor einem Vortrag Kaffee übergeleert hat, vergisst, ist man dafür manchmal vielleicht auch dankbar.


Literaturnachweis:
Ray, D. G., Gomillion, S., Pintea, A. I., & Hamlin, I. (2018). On being forgotten: Memory and forgetting serve as signals of interpersonal importance. Journal of Personality and Social Psychology. www.doi.org/10.1037/pspi0000145

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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