Virtuelles Training als wichtiger Baustein für Organisationsales Lernen | Praxisbeispiel

Virtuelles Training wird zunehmend ein wichtiger Baustein für Organisationales Lernen. Insbesondere Handlungswissen lässt sich hier gut trainieren. Mitarbeitende können z.B. interkulturelle Kommunikation trainieren, die Wartung einer Maschine üben oder sich auf kritische Situationen vorbereiten. In diesem wissens.dialog stelle ich Ihnen die Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt vor, in dem der Einsatz von virtuellem Training für die Aus- und Weiterbildung von PolizistInnen evaluiert wurde.

Ein Banküberfall, eine vermisste Person oder ein flüchtender Täter in einer Schule gehören zu den Herausforderungen, denen sich Polizisten stellen müssen. Damit sie in solchen Situationen schnell und kompetent reagieren können, muss die Zusammenarbeit im Team reibungslos funktionieren, z.B. zwischen den Polizisten am Boden und der Besatzung in einem Hubschrauber.

In den letzten zwei Jahren wurde in einem Forschungsprojekt am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen und der Eberhard Karls Universität eine großangelegte Feldstudie durchgeführt, um die Wirksamkeit von virtuellem Training zu untersuchen. Beteiligt daran waren auch Johanna Bertram und Johannes Moskaliuk aus dem wissensdialoge.de-Team. Wir konnten zeigen: Polizisten, die gemeinsam in einer virtuellen Welt trainieren, sind besser auf den Ernstfall vorbereitet sind, als ihre Kollegen, die kein virtuelles Training absolviert haben. Virtuelles Training ist also eine Möglichkeit, um gerade solche Situationen, die enge Zusammenarbeit und Kommunikation im Team erfordern und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen müssen, einzuüben. Diese Situationen lassen sich in der Realität nur sehr schwer oder nur mit großem Aufwand trainieren.

Eingesetzte Methoden: Für die Studie wurden drei Gruppen gebildet: Die erste Gruppe trainierte mit der virtuellen Trainingsumgebung, die zweite Gruppe nahm an dem bisherigen Standardtraining teil (auf Basis von Trainingsvideos, Präsentationen der Trainer und angeleiteten Gruppenübungen), die dritte Gruppe wurde nicht trainiert (Kontrollgruppe). Mit Fragebögen wurde dann zunächst die Zufriedenheit mit dem Training gemessen, außerdem mussten die Teilnehmer einschätzen, welchen subjektiven Wert das Training für sie hatte (Beispielfrage: „Durch das Training fühle ich mich gut vorbereitet auf zukünftige Einsätze mit einem Hubschrauber). Es wurde außerdem mit einer Vorher- und Nachher-Messung das erworbene Wissen erhoben. Zusätzlich wurde die Fähigkeit zum Wissenstransfer gemessen, um zu untersuchen, ob die Teilnehmenden in der Lage waren, das im Training Gelernte auf die Situationen aus dem Berufsalltag zu übertragen. Dazu wurden kurze Videosequenzen (wenige Sekunden lang) eines Einsatzes gezeigt, die jeweils in einer kritischen Situation unterbrochen wurden. Dann sollten die Teilnehmenden antworten, wie sie in dieser Situation reagieren würden.

Ergebnisse: Im Bezug auf die Zufriedenheit mit dem Training und dem subjektiven Wert schnitt das Standardtraining besser als das virtuelle Training ab. Diese Ergebnisse können für die Weiterentwicklung der virtuellen Trainings genutzt werden, z.B. indem etablierte Methoden aus dem Standardtraining in das virtuelle Training integriert werden oder die Nutzerfreundlichkeit der virtuellen Trainingsumgebung weiterentwickelt wird. In allen drei Gruppen zeigt sich ein Wissenszuwachs. Auch die Kontrollgruppe zeigte bei der Nachher-Messung mehr Wissen als in der Vorher-Messung. Bei den beiden ersten Gruppen (Standardtraining und virtuelles Training) ist der Wert allerdings höher als bei der Kontrollgruppe. Außerdem zeigte sich ein Vorteil des virtuellen Trainings für den Wissenstransfer. In der Gruppe, die virtuell trainiert hatte, wurden höhere Werte gemessen als in der Gruppe, die an dem Standardtraining teilgenommen hatte bzw. gar nicht trainiert wurde. Da das virtuelle Training kostengünstiger in der Durchführung ist, und dabei die Aspekte trainiert werden können, die im Standardtraining nicht trainiert werden können legen diese Ergebnisse nahe, das virtuelle Training als effiziente Maßnahme zu bewerten.

Die in diesem Projekt eingesetzten Forschungsmethoden waren sehr zeit- und kostenaufwändig. Der direkte Vergleich unterschiedlicher Trainingsmethoden (in diesem Fall Standardtraining vs. virtuelles Training) mit einer Kontrollgruppe, und die umfangreichen Messmethoden erfordern einen großen organisatorischen Aufwand. Bei der virtuellen Trainingsumgebung handelt es sich um eine Pilotanwendung, die erst nach einer ausführlichen Evaluation und entsprechenden Weiterentwicklung breit angewandt werden soll. Außerdem existieren bis jetzt kaum empirische Arbeiten, aus denen sich konkrete Aussagen zur Wirksamkeit von virtuellem Training ableiten lassen. Das rechtfertigt den hohen Aufwand der Evaluation.

Bertram, J., Moskaliuk, J. & Cress, U. (2015). Virtual training: Making Reality Work? Computers in Human Behavior, 43, 284–292.
Moskaliuk, J., Bertram, J., & Cress, U. (2013). Impact of Virtual Training Environments on the Acquisition and Transfer of Knowledge. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking16(3), 210–214.

Johannes Moskaliuk

Prof. Dr. Johannes Moskaliuk ist Diplompsychologe sowie ausgebildeter Betriebswirt. Er arbeitet als Professor für Psychology and Management an der International School of Management in Stuttgart. Außerdem ist er assoziierter Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen.

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