Warum es sich lohnen kann, anderen von positiven Erlebnissen zu erzählen

Was machen Sie, wenn bei der Arbeit etwas so richtig gut gelaufen ist? Wenn Sie z.B. ein Projekt endlich abschließen, die Beförderung erhalten oder einen Auftrag bekommen? Erzählen Sie anderen davon? Die Forschung zeigt: Anderen von positiven Erlebnissen zu erzählen kann gute Folgen für einen selbst, aber auch für die persönliche Beziehung zum Zuhörer haben – ganz besonders, wenn das Gegenüber dabei aktiv und unterstützend reagiert.

Aus der Forschung wissen wir bereits viel darüber, wie wichtig Unterstützung bei negativen Erlebnissen ist – beispielsweise, um mit Misserfolgen umzugehen oder Stress zu reduzieren. Wie aber ist es mit positiven Erlebnissen?

Positive Erlebnisse bewirken meist, dass man anderen davon erzählen möchte. Studien zeigen, dass wir in bis zu 80 % der Fälle, in denen wir etwas Positives erleben, dies auch gerne jemandem mitteilen möchten. Das scheint wichtige, einzigartige Erlebnisse (z.B. die lang ersehnte Beförderung) genauso zu betreffen wie kleinere, alltägliche Dinge (z.B. heute frei zu haben).

In ihrer Forschung beschäftigt sich die Forschungsgruppe um Shelly Gable und Harry Reis damit, was passiert, wenn wir anderen dann von solchen positiven Erlebnissen berichten (engl. capitalization). Was passiert z.B., wenn eine Besprechung richtig gut gelaufen ist und Sie Ihren KollegInnen, den Projektpartnern oder der Chefin anschließend davon erzählen?

Wie positive Erlebnisse wirken, wenn wir sie mitteilen

Tatsächlich hat dieses Mitteilen in der Regel einen Nutzen: Wenn man anderen von einem positiven Erlebnis berichtet, fühlt man sich anschließend besser, als wenn man nicht davon erzählt. Interessanterweise scheint es hier weniger darauf anzukommen, wie oft man positive (oder auch negative) Erlebnisse hat – sondern vielmehr darauf, dass man die positiven Erlebnisse, die man hat, eben auch mitteilt. Warum ist das so?

Zum einen „durcherlebt“ man das positive Erlebnis (z.B. den Moment, in dem man endlich die Zusage für eine Arbeitsstelle bekommt) durch das Erzählen vielleicht noch einmal; so werden also z.B. der Stolz und die positive Stimmung dieses Moments beim Erzählen noch einmal erlebt. Zum anderen erinnert man sich womöglich besser an ein positives Erlebnis, wenn man anderen davon erzählt hat – durch das Erzählen gerät die Erfahrung also nicht so schnell wieder in Vergessenheit.

Eine weitere Idee ist: Wenn man jemandem von solch positiven Erlebnissen berichtet, könnte das die Qualität der Beziehung zum Zuhörer fördern; also beispielsweise zu dem Kollegen, der sich da gerade mit uns freut, dem Chef, der gratuliert oder dem Team, das zur Feier des Tages mit uns anstößt. Tatsächlich zeigen Studien: Wenn man anderen von einem positiven Erlebnis erzählt, ist man selbst zufriedener und berichtet oftmals mehr Commitment, weniger Konflikte und mehr Vertrauen zum Gegenüber. Es kommt hier allerdings auch stark darauf an, wie genau der Zuhörer reagiert.

Es kommt darauf an, wie aktiv & konstruktiv das Gegenüber zuhört:

Vielleicht haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie enthusiastisch von einem Erfolg erzählen wollen – Ihr Gegenüber aber gerade gedanklich abwesend scheint, kaum darauf reagiert, wenige Fragen stellt oder relativ schnell das Thema wechselt. Das muss gar nicht absichtlich sein; denn auch umgekehrt ist man selbst manchmal mit eigenen Dingen beschäftigt und bemerkt vielleicht gar nicht, wenn man auf eine positive Mitteilung von Kollegen wenig reagiert. Diese Form des sogenannten (aktiven oder passiven) „destruktiven“ Zuhörens ist in der Regel allerdings weniger unterstützend für den Erzähler.

Vermutlich kennen Sie im Gegenzug auch die Situation, in der Sie von einem Erfolg berichten und Ihr Gegenüber sich mit Ihnen freut, Sie ermutigt, mehr zu erzählen und genau nachfragt, wie es dazu kam. Dieses sogenannte „konstruktive, aktive“ Zuhören scheint besonders effektiv, um die persönliche Beziehung zum Erzähler zu stärken. Ein solches Zuhören bedeutet z.B. selbst darauf einzugehen, was der/die andere sagt; nachzufragen; Verbindungen zu anderen positiven Erlebnissen herzustellen; zu nicken und sich mitzufreuen (also selbst positive Emotionen zu zeigen). Wenn man also anderen von seinen Erfolgen berichtet und diese aktiv und unterstützend darauf reagieren, verstärkt dies die ohnehin positiven Folgen des eigentlichen Erlebnisses noch zusätzlich.

Mein erstes Fazit:

Manchmal ist man vielleicht versucht, nur bei Misserfolgen Unterstützung von anderen zu suchen und zögert, anderen auch von den positiven Erlebnissen zu berichten – um nicht anzugeben oder Neid auszulösen. Das ist sicher oftmals berechtigt; allerdings können diese Ergebnisse vielleicht dazu ermutigen, anderen durchaus auch die positiven Erlebnisse mitzuteilen – nicht nur wegen der förderlichen Folgen für einen selbst, sondern womöglich auch für bessere soziale Beziehungen im Team. Es könnte sich demnach also durchaus lohnen, Erfolge und andere positive Erlebnisse, beispielsweise beim Mittagessen, in Teammeetings oder bei der Betriebsfeier, mitzuteilen und gemeinsam zu feiern.

Zum Weiterlesen: 

Gable, S. L., Impett, E. A., Reis, H. T., & Asher, E. R. (2004). What Do You Do When Things Go Right? The Intrapersonal and Interpersonal Benefits of Sharing Positive Events. Journal of Personality and Social Psychology, 87, 228-245. http://dx.doi.org/10.1037/0022-3514.87.2.228

Gable, S. L., & Reis, H. T. (2010). Good news! Capitalizing on positive events in an interpersonal context. In M. P. Zanna, M. P. Zanna (Eds.), Advances in experimental social psychology, Vol 42 (pp. 195-257). San Diego, CA, US: Academic Press. http://dx.doi.org/10.1016/S0065-2601(10)42004-3

 

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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