Warum Mächtige gemeinsam manchmal schlechtere Entscheidungen treffen

Viele wichtige Entscheidungen werden nicht von einzelnen Personen, sondern gemeinsam in einer Gruppe getroffen. Denn mehrere Entscheidungsträger verfügen je über unterschiedliche Kompetenzen und Informationen, die kombiniert zu einer besseren Entscheidung führen — vorausgesetzt, die Personen arbeiten dabei wirklich zusammen. Allerdings fallen Entscheidungen oft schlechter aus, wenn sie gemeinsam in der Gruppe (anstatt von Einzelnen) getroffen werden. Ein neu erschienener Artikel zeigt: Gerade mächtige Personen treffen gemeinsam manchmal schlechtere Entscheidungen, als wenn sie alleine arbeiten.

Gruppen treffen (nur) unter bestimmten Umständen bessere Entscheidungen als Einzelne. Unklar war dabei bisher, wie Macht gemeinsame Entscheidungen beeinflusst. John Angus D. Hildreth und Cameron Anderson (2016) untersuchten dies in fünf Studien: Zeigen Gruppen von mächtigen Personen (z.B. eine Gruppe von Führungskräften oder TeamleiterInnen) bei gemeinsamen Entscheidungen eine schlechtere Leistung als Gruppen von weniger Mächtigen? Und falls ja, wann und warum genau?

Macht steigert die individuelle Leistung

Macht beschreibt die (tatsächliche oder erlebte) Kontrolle über die eigene Situation und die Situation anderer — z.B. indem eine mächtige Person Entscheidungen über Belohnungen, Projekte, Aufgaben etc. trifft, die weniger Mächtige mit betreffen. Die Forschung zeigt: Macht kann die eigene Leistung erhöhen. Weil Mächtige relativ unabhängig von anderen sind, können sie sich besser auf aktuelle Aufgaben fokussieren; sie sind zielorientierter, kreativer und verarbeiten Informationen effektiver. Dies betrifft allerdings die individuelle Leistung — also z.B. Entscheidungen, die eine Person alleine trifft.

Wie ist das bei Entscheidungen, die Mächtige gemeinsam treffen?

Im Gegensatz zu individuellen Entscheidungen ist es bei gemeinsamen Entscheidung zentral, dass die Entscheidungsträger in der Gruppe zusammenarbeiten und effektiv kommunizieren. Die Forscher nahmen an: Gerade dies könnte unter Mächtigen erschwert sein. Denn neben den genannten positiven Effekten kann Macht auch dazu verleiten, stärker an eigenen Ideen festzuhalten, die Beiträge anderer abzuwerten und eher die eigenen Ziele im Blick zu haben.

Gerade in Gruppen von mächtigen Personen könnte es daher zu Statuskonflikten (z.B. wer welche Entscheidungen treffen darf), weniger Fokussierung auf die eigentliche Aufgabe, weniger Informationsaustausch und mehr allgemeinen Unstimmigkeiten (z.B. wer welchen Teil der Aufgabe erledigt) kommen — wodurch eine Gruppe mächtiger Personen gemeinsam womöglich schlechtere Entscheidungen trifft als eine Gruppe weniger mächtiger Personen (oder eine Kontrollgruppe).

Fünf Studien mit Studierenden sowie mächtigen Personen im realen Arbeitsumfeld bestätigten dies:

  • Hohe Macht führte dazu, dass Personen alleine bessere Entscheidungen trafen und kreativere Lösungen fanden (im Vergleich zu geringer Macht).
  • Bei gemeinsamen Entscheidungen zeigten Gruppen von mächtigen Personen allerdings eine schlechtere Leistung und fanden weniger kreative Lösungen.
  • Dieser negative Effekt auf gemeinsame Leistung trat allerdings nur dann auf, wenn die Entscheidung tatsächlich viel Kooperation erforderte — z.B. wenn die Teammitglieder wirklich gemeinsam entscheiden mussten (z.B. welche aller Ideen die beste Lösung ist) — nicht aber, wenn sie nur ihre Ideen zusammentragen mussten (ohne sich auf eine Lösung zu einigen).

Ein mögliches Fazit:

Gerade mächtige Personen, die alleine oftmals besonders leistungsfähig sein mögen, können also unter bestimmten Umständen gemeinsam mit anderen Mächtigen schlechtere Entscheidungen treffen – weil es in solchen Gruppenzusammensetzungen zu weniger Austausch und vermehrten Konflikten kommen kann. Insbesondere bei gemeinsamen Entscheidungen unter Mächtigen könnte es demnach nützlich sein, Meetings sehr strukturiert zu planen, Kriterien für Entscheidungen bereits vor der Diskussion festzulegen oder eine/n Moderator/in einzusetzen, um einen effektiven Austausch bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung zu unterstützen.

Zum Artikel: Hildreth, J. A., & Anderson, C. (2016). Failure at the top: How power undermines collaborative performance. Journal of Personality and Social Psychology, 110, 261-286. http://dx.doi.org/10.1037/pspi0000045.

 

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: