Was denke ich eigentlich über Wissen?

Was denken wir eigentlich darüber, was wir (glauben zu) wissen? Was wir über Wissen zu wissen glauben wird selten hinterfragt, hat aber gravierende Auswirkungen, wenn es darum geht, über Sachverhalte zu diskutieren oder kritisch zu denken.

Download: wissens.blitz (64)

Es gibt Diskussionen, bei denen kommt man auf keinen grünen Zweig. Einige Diskussionen sind aussichtslos, weil die beteiligten Personen unterschiedliche Einstellungen zum Wissen haben oder weil sich die Diskussion in einer Domäne statt findet, in der eine argumentative Auseinandersetzung keinen Sinn macht. Hier spielen epistemologische Überzeugungen eine wichtige Rolle.

Epistemologische Überzeugungen

Kuhn und Weinstock (2002) beschreiben vier Ebenen der epistemologischen Überzeugung (EÜ): Realisten, Absolutisten, Multiplisten, und Evaluative (siehe oberer Kasten). Sie sehen diese Ebenen als Phasen, die ein Mensch (im Idealfall) durchläuft, z.B. das Wissen zuerst als objektiv in der externen Welt gesehen wird (Absolutisten), durch Konfrontation mit unterschiedlichen Meinungen als rein internal gesehen wird (jeder hat seine eigene Meinung die gleichwertig ist, Multiplisten), bis schließlich die Unsicherheit akzeptiert wird ohne eine Bewertung des Wissens aufzugeben (Evaluative): Man kann zwar nie Wissen, was wahr ist, aber es existieren auch gute und weniger gute Belege für bestimmte Positionen. Leider erreichen nicht alle Erwachsenen dieses höchste Niveau der EÜ.

Bereichsabhängigkeit

Allerdings sind auch evaluative EÜ nicht für alle Domänen hilfreich. Kuhn, Cheney, und Weinstock (2000) unterscheiden fünf Domänen (siehe unterer Kasten), in denen EÜ eine Rolle spielen können. Während evaluative EÜ notwendig und wünschenswert bei Urteilen über die physische und soziale Welt sind, wird es schwieriger bei Wert- und ästhetischen Urteilen, und nicht wünschenswert beim persönlichen Geschmack. Man ein Urteil über die soziale Welt fällen, welche Farbe eines Produktes zu mehr Verkäufen führt („Rot war immer ausverkauft und wird von der Zielgruppe in Befragungen als Lieblingsfarbe angegeben.“), aber eine Diskussion über den persönlichen Geschmack („Ich bin der Meinung, grün gefällt dir am besten!“) ist wenig zielführend.

Fazit

Eine sinnvolle Diskussion über Wissen setzt voraus, dass die beteiligten Personen evaluative EÜ haben, also Urteile basierend auf argumentativen Standards fällen, und dass das Thema zu einer Domäne gehört, in der ein solches Urteil auch sinnvoll ist. Auch kritisches Denken (vgl. Blitz Nr. 45) macht nur bei evaluative EÜ wirklich Sinn.

 

Ebenen der epistemologischen Überzeugungen

  • Realisten: Behauptungen sind Kopien einer externalen Realität (d.h., es gibt keine Möglichkeit sich zu irren), wir können wissen, was real ist, Wissen kommt aus einer externalen Quelle und ist sicher. (nur Kinder)
  • Absolutisten: Behauptungen sind Fakten welche die Realität entweder wahr oder falsch wiedergeben, wir können aber wissen, was real ist und Wissen kommt aus einer externalen Quelle und ist sicher.
  • Multiplisten: Behauptungen sind Meinungen die von ihren Vertreten frei gewählt und vertreten werden, wir können nicht wissen was real ist und alles Wissen wird vom Menschen generiert und ist unsicher.
  • Evaluative: Behauptungen sind Urteile, die nach argumentativen Standards bewertet und verglichen werden können, obwohl wir nicht wissen können, was real ist und Wissen vom Menschen generiert wird.

Kuhn, Cheney, & Weinstock, 2000

 

Domänen epistemologischer Überzeugungen

  1. Urteile über die physische Welt
    (z.B.: Wie funktioniert Maschine X?)
  2. Urteile über die soziale Welt
    (z.B.: Welche Eigenschaften hat eine gute Führungskraft?)
  3. Werturteile
    (z.B.: Ob Schmiergelder in bestimmten Ländern okay sind oder nicht.)
  4. Ästhetische Urteile
    (z.B. Welches Corporate Design besser gelungen ist.)
  5. Urteile über persönlichen Geschmack
    (z.B. Welche Farbe mir bei dem Produkt am besten gefällt.)

nach Kuhn & Weinstock, 2002

Wenn Diskussionen scheitern kann es unter anderem an diesen beiden Punkten liegen – und nicht daran, dass Diskussionen prinzipiell nicht sinnvoll wären.

Literaturnachweise:
Kuhn, D., Cheney, R., & Weinstock, M. (2000). The development of epistemological understanding. Cognitive Development, 15, 309-328.
Kuhn, D., & Weinstock, M. (2002). What Is Epistemological Thinking and Why Does It Matter? In Hofer, B. K. & Pintrich, P. R. (Eds.). Personal epistemology: The Psychology of beliefs about knowledge and knowing. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum.

Zitieren als: Wessel, D. (2012). Was denke ich eigentlich über Wissen? wissens.blitz (64). https://www.wissensdialoge.de/was-denke-ich-ueber-wissen

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