Wie erleben wir eigentlich Macht im Alltag?

Wie fühlen Sie sich jetzt gerade – mächtig und einflussreich? Oder eher nicht? Die bisherige Forschung hat Macht meistens im Arbeitskontext (z.B. mit Vorgesetzten und ihren Mitarbeitenden) oder in Laborexperimenten untersucht. Wie oft erleben Menschen aber in ihrem Alltag, auch über ihre tatsächliche Arbeitsposition hinaus, viel oder wenig Macht? Und wie sagt dies ihre Stimmung und die Wahrnehmung anderer vorher? Eine neu veröffentlichte Studie hat sich genau dies angesehen; die Ergebnisse zeichnen ein recht positives Bild von Macht im Alltag.

Die Studie: 3 Tage mit je 5 Fragebogen täglich

In ihrer Studie betrachteten die Forscher Pamela Smith und Wilhelm Hofmann Macht erstmals im täglichen Geschehen über eine Zeitspanne hinweg. Mit ’Macht’ war hier der Einfluss über die Situation anderer gemeint, ähnlich wie sie z.B. im Arbeitskontext Führungskräfte über die Entlohnung ihrer Mitarbeitenden innehaben.

Dazu baten sie mehr als 200 US-AmerikanerInnen im Alter zwischen 18 und 67 Jahren, über drei Tage hinweg 5x täglich einen kurzen Fragebogen darüber zu beantworteten,

  • wie mächtig bzw. machtlos sie sich gerade fühlen (Machterleben),
  • ob sie gerade eine Position mit viel bzw. wenig Macht innehaben (tatsächliche Machtposition) und in welchem Bereich (z.B. vorgesetzter bzw. „untergeordnete/r“ Arbeitskollege/in, KlientIn, PartnerIn, Elternteil etc.),
  • wie sie sich gerade fühlen (Stimmung; Stress: z.B. wie glücklich bzw. erschöpft) und
  • wie nah sie sich ihrem Gegenüber fühlten (Nähe, Respekt und Verantwortungsempfinden);
  • zudem wurden einige Maße zur Persönlichkeit erfasst.

Durch diese Art der Befragung konnten das Forscherteam sich anschauen, wie häufig die Befragten im Schnitt viel bzw. wenig Macht erleben und wie sehr Macht womöglich mit Veränderungen von Stimmung, Stress und der Wahrnehmung anderer (z.B. KollegInnen, Familienmitgliedern oder FreundInnen) einhergehen kann. Ein paar zentrale Ergebnisse sind:

1. Hohe und geringe Macht kam im Alltag relativ häufig (aber nicht immer) vor:

Knapp 83 % der Befragten berichteten von mindestens einer Situation in diesen drei Tagen, in denen sie (viel oder wenig) Macht innehatten. Gut 27%, also knapp ein Drittel davon, hatte mindestens einmal sowohl viel, als auch wenig Macht inne; etwas über 35 % hatten ausschließlich Positionen mit wenig Macht inne, knapp 21% nur solche mit viel Macht. Insgesamt gab also fast die Hälfte (knapp 48%) an, mindestens einmal eine Position mit viel Macht innezuhaben – und zwar nicht immer nur im Job. Daraus könnte man schließen, dass es wichtig ist, Macht weiter zu erforschen; für den Alltag kann das außerdem bedeuten, dass Macht womöglich auch außerhalb des Arbeitsplatzes immer wieder eine wichtige Rolle spielt.

2. Wann erleben wir Macht? Die Situation scheint wichtiger als die Persönlichkeit

Das Ausmaß, in dem die Personen sich gerade mächtig fühlten, hing stärker von der Situation selbst, als von der Persönlichkeit ab. Obwohl also auch bestimmte Personen (je nach ihrer Persönlichkeit) eher dazu neigen, viel bzw. wenig Macht zu erleben, spielte die aktuelle Situation eine mindestens ebenso große Rolle dabei, wie mächtig bzw. machtlos man sich gerade fühlte.

3. Bessere Stimmung und weniger Stress:

Wenn die Personen viel Macht erlebten oder innehatten, berichteten sie auch eine bessere Stimmung und erlebten mehr Respekt von anderen; wenn sie hingegen wenig Macht erlebten oder innehatten, berichteten sie eine schlechtere Stimmung und mehr Stress. Das zeigte sich für die Machtposition und auch das momentane Machterleben – und zwar in der Regel unabhängig voneinander; es scheint hier also relativ gleichwertig zu sein, ob Macht gerade faktisch gegeben ist – man also gerade tatsächliche eine bestimmte Position innehat – oder sich in einer Situation gerade „nur“ subjektiv mächtig bzw. machtlos fühlt.

4. „Mit großer Macht kommt große Verantwortung“:

Interessanterweise berichteten die Leute ein höheres Verantwortungsempfinden und fühlten sich ihrem Gegenüber näher, wenn sie viel Macht innehatten (als wenn sie geringe Macht innehatten); dieses Ergebnis ist überraschend, denn die bisherige Forschung deutet oft darauf hin, dass Macht eher wenig als Verantwortung verstanden wird. Womöglich ist diese Verbindung von Macht und Verantwortung im Alltag also gängiger als im Arbeits- oder Laborkontext, wo die Forschung ’Macht’ bislang meistens untersucht hat.

Ein kurzes Fazit:

Unabhängig von der tatsächlichen Position (z.B. im Job) scheint es also relativ häufig vorzukommen, dass man sich im Alltag mal mächtiger, mal wenig mächtig fühlt. Dieses Machterleben kann die eigene Stimmung vorhersagen, aber auch, wie respektiert man sich gerade von anderen fühlt und wie nah bzw. verantwortlich man sich anderen gegenüber fühlt. Diese Ergebnisse scheinen dabei ein eher positives Bild von (viel) Macht im Alltag zu zeichnen — was vielleicht manchen Vorannahmen widerspricht und weitere Forschung inspirieren könnte.

 

Weiter zum Artikel geht es hier:
Smith, P. K., & Hofmann, W. (2016). Power in everyday life. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). http://doi.org/10.1073/pnas.1604820113

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissensaustausch in Arbeitsteams.

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