Wir müssen mutiger werden | Interview mit Christian Spannagel

Das nächste Interview für unseren Knowledge Jam @ i-KNOW 2011 habe ich mit Prof. Dr. Christian Spannagel geführt. Als Forscher und Lehrender Nutzer er Tools und Möglichkeiten des Web 2.0 zum Beispiel im Rahmen der Bildungsexpedition 2009, in der Maschendraht-Community oder der Intergration von Wikis und YouTube in Vorlesungen. Und – Er versteht sich selbst als öffentlicher Wissenschaftler, der „bereits im Prozess der wissenschaftlichen Wissensproduktion erste Konzepte, Ideen, brainstormingartige Stichpunkte usw. online stellt und mit anderen diskutiert.“ Im Interview geht es deshalb auch um öffentliche Wissenschaft und die Frage, was Firmen davon lernen können.

Bitte vervollständige die Sätze.

Wissensmanagement und Wissenschaft …

… beginnen nur zufällig beide mit „Wissen“. Für mich ist Wissensmanagement eher eine Technik, Wissenschaft eine Berufung.

Öffentliche Wissenschaft heißt …

… nicht nur seine Ergebnisse allgemeinverständlich zu erläutern, sondern darüber hinaus auch den Prozess der wissenschaftlichen Wissensproduktion öffentlich und kollaborativ durchzuführen, d.h. z.B. unter Einbeziehung der „Netzgemeinde“.

Bildung bedeutet …

… vielen Menschen heute zu wenig.

Du bezeichnest Dich selber als öffentlichen Wissenschaftler. Wie verändert sich dadurch Dein Umgang mit Wissen, und was können andere –vielleicht auch Nicht-Wissenschaftler– davon lernen?

Ich betrachte Wissen einerseits als persönliche Ressource, andererseits als geteilte Ressource. In vielen Situationen ist es gut, sich nicht nur auf sein eigenes Wissen und seine eigene Erfahrung zu verlassen, sondern sich mit anderen darüber auszutauschen und das „Wissen im Netzwerk“ anzuzapfen, gemeinsam weiterzuentwickeln und letztlich wieder in persönliches Wissen (aller Beteiligten) zu transformieren. Bedeutsam dabei ist, dass man sein eigenes Wissen zu teilen bereit ist – das ist das Grundprinzip im Social Web. Darüber hinaus ist es wichtig, keine Angst vor Fehlern zu haben. Ich teile mein Wissen einfach mit („Neuronenverhalten“), auch mit der Gefahr, dass es „fehlerhaft“, unzureichend, irgendwie mangelhaft ist. Andere Personen im Netzwerk werden es merken und korrigieren, ihre Ideen äußern, irgendwelche Anregungen geben, und als Gruppe ist man dann ein Stück weiter. Und wenn es niemand merkt, naja, dann ist dies eben vorläufig geteiltes, fehlerhaftes Wissen… mit dieser Vorläufigkeit lebt man sowieso immer, insbesondere in der Wissenschaft.

Was bedeutet für Dich erfolgreiches organisationales Wissensmanagement?

Das bedeutet für mich, ältere Mitarbeiter nicht auf die Straße zu setzen, sondern ihnen und ihrem Expertenwissen den gebührenden Platz in einer Firma einzuräumen. Die Schwierigkeit beim Wissensmanagement ist doch: Wie bekommt man das implizite Expertenwissen expliziert (z.B. in einem Firmenwiki)? Meine Hypothese: Gar nicht. Wissensweitergabe funktioniert im direkten Austausch zwischen jüngeren und älteren Mitarbeitern. Erfahrungswissen gibt man weiter, indem man jüngere Kollegen coacht.

Was sind Deiner Meinung nach die wichtigsten 3 „hot topics“ der nächsten Jahre?

  • Überholte Wissenschaftspraktiken ablegen („publish or perish“, Geheimhaltung bis zur Veröffentlichung, …).
  • Coaching mehr Bedeutung einräumen, in allen Lern- und Bildungsbereichen.
  • Wir alle müssen mutiger werden, uns über „das Übliche“ hinwegzusetzen und neue Wege zu beschreiten.

cspannagel Dr. Christian Spannagel ist Professor an der PH in Heidelberg. Er forscht und lehrt im Bereich Mathematikdidaktik, Informatikdidaktik und computerunterstütztes Lernen. Informationen zu aktuellen Projekten veröffentlicht er als öffentlicher Wissenschaftler regelmäßig im Web bei wikiversity.org. Christian Spannagel bloggt unter cspannagel.wordpress.com.

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