In 20 m Höhe: Wissensaustausch und informelles Lernen mal anders

Wie lassen sich Wissensaustausch, informelles Lernen und Koordination im Team verbessern? Diese Frage wird heute oftmals in Unternehmen diskutiert und Mitarbeitende nehmen an zahlreichen Maßnahmen teil, um individuelle und soziale Kompetenzen dahingehend zu stärken. Vor einigen Tagen habe ich selbst eine Erlebnispädagogik-Fortbildung – als eine heute auch in Unternehmen zunehmend eingesetzte Methode des Teambuildings und der individuellen Kompetenzentwicklung – besucht, die mich die Bedeutung von Wissensaustausch noch einmal von einer ganz anderen Seite hat kennen lernen lassen:

Wenn eine Gruppe von zehn Personen (die sich bis dahin noch nicht kannten) herausfordernde Aufgaben löst – wie bei der Erlebnispädagogik gemeinsam eine dreistöckige Personenpyramide zu erstellen oder mit einem Seil verbunden alle zusammen einen Baum bis auf 20m Höhe zu erklimmen – dann erfordert das erfolgreichen Informationsaustausch, effektive Koordination und viel gegenseitige Hilfestellung.

Zugegebenermaßen haben diese Herausforderungen auf den ersten Blick wenig gemeinsam mit den durchschnittlichen Arbeitsaufgaben, die Teams in Organisationen gemeinsam zu lösen haben. Dennoch zeigen sich dabei einige Parallelen, die sich in gewissem Maße auch in Organisationen wiederfinden:

  • Jedes Teammitglied wird gebraucht, um die Aufgabe erfolgreich zu lösen: Die meisten Aufgaben – wie gemeinsam eine dreistöckige Personenpyramide zu „erbauen“ – weisen ein hohes Maß an Interdependenz auf. Dabei wird unmittelbar deutlich, dass die Transparenz der Expertise einzelner wichtig ist und unterschiedliche Kompetenzen (hier z.B. Schwindelfreiheit, Erfahrung im Klettern oder aber auch gemeinsame Anstrengungen vom Boden aus effektiv zu koordinieren) nur von Vorteil sind. Wichtig ist hier außerdem weniger, wer der/die Beste ist, sondern gemeinsam zum Ziel zu kommen und die unterschiedlichen Vorschläge, Ideen und Hinweise (z.B. auf dem Baum darüber, welches Vorgehen sinnvoll ist und welcher Ast gebrechlich aussieht) abzuwägen und zu nutzen.
  • Wissensaustausch untereinander ist wichtig und liefert unmittelbare Ergebnisse: Eine effektive Kommunikation untereinander ist dabei unerlässlich, damit die gemeinsame Aufgabe gelöst wird (z.B. wer benötigt welche Unterstützung) und spiegelt sich unmittelbar in einem mehr oder weniger erfolgreichen Ergebnis wider: Hat man die Aufgabe gemeinsam geschafft, stärken solche unmittelbaren Erfolge das Gefühl, gemeinsam etwas geschafft zu haben, das man vorher nicht unbedingt für möglich gehalten hatte. Misserfolge (z.B. Unklarheiten darüber, wer nun wem Hilfestellungen gibt) führen hingegen dazu, dass man gemeinsam bessere Lösungen diskutiert und entwickelt.
  • Vertrauen und Lernen voneinander werden gefördert: Und auch wenn die Aufgaben in der Regel herausfordernd sind und den Einzelnen hin und wieder an seine/ihre Grenzen bringen, schafft man es durch die gemeinsame Anstrengung irgendwie, Vertrauen untereinander zu fassen. Der (individuelle und gemeinsame) Nutzen des Austauschs von Ideen und Wissen wird damit für jeden unmittelbar ersichtlich und jede Person kann durch das (auch implizite) Wissen der anderen und die gemeinsamen Erfahrungen informell neue Kompetenzen erwerben.

In diesen Übungen lassen sich somit viele Prozesse im Team anstoßen, die auch im Arbeitsumfeld zu organisationalem Lernen, Wissensaustausch und Teamwork beitragen. Interessant war dabei für mich aus der Teilnehmerperspektive vor allem festzustellen, wie außergewöhnlich gut dies trotz – oder möglicherweise gerade aufgrund – der nur wenigen zur Verfügung stehenden Hilfsmittel, der „fremden“ Umgebung (bei der Erlebnispädagogik in der Natur) und den insgesamt in der Gruppe sehr unterschiedlichen Vorerfahrungen funktionieren kann.

Liegt es also möglicherweise am speziellen Kontext, der u.a. mit Freizeit und geringem Leistungsdruck assoziiert ist, dass die Koordination untereinander hier außergewöhnlich gut funktioniert und alle dazu motiviert sind, sich gegenseitig zu unterstützen und Wissen untereinander auszutauschen? Oder sind es auch die speziellen Aufgaben, die sicherlich eine ganze Reihe von idealen Voraussetzungen für Lernen und Teamwork aufweisen? Vermutlich sind diese beiden Faktoren u.a. mit verantwortlich für den besonderen Erfolg solcher Übungen. Eine Übertragung auf die Organisation wird also nicht 1:1 möglich sein. Diese gemeinsamen Erlebnisse als Gruppe lassen sich aber vielleicht dennoch in gewissem Maße mit in die Organisation nehmen: Das gestärkte Vertrauen, der informelle Austausch untereinander und das Bewusstsein, was man alles gemeinsam schaffen kann, können auch noch positiv nachwirken, wenn ein Team bereits zurück in seinem Arbeitsumfeld angekommen ist.

 

Bildnachweis: https://pixabay.com/de/kletterer-steil-abstieg-klettern-59681/

Annika Scholl

Annika Scholl forscht am Leibniz-Institut für Wissensmedien und hält Lehrveranstaltungen an den Universitäten in Tübingen und Konstanz. Als Sozial- und Organisationspsychologin publiziert sie regelmäßig in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Branchenmagazinen und hält Vorträge auf internationalen Konferenzen. Auf wissensdialoge.de schreibt sie über die Themen Macht und Führung, organisationales Lernen, Reflexion als Lernprozess und den Wissenaustausch in Arbeitsteams.

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